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„EU muss sich auf weitere Hilfen einstellen“

„EU muss sich auf weitere Hilfen einstellen“

Die EU-Staaten lassen Griechenland beim zweiten Hilfspakt weiter zappeln. Nach Einschätzung von Henning Vöpel, Konjunkturexperte am Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI), gibt es allerdings keine vernünftige Alternative zu weiteren Geldspritzen. Das machte er im Gespräch mit unserem Berliner Korrespondenten Stefan Vetter deutlich.

Herr Vöpel, ist die EU mit ihrer Haltung gegenüber Athen gut beraten?

Vöpel: Die Haltung der EU-Staaten ist verständlich, denn es wird offenbar immer schwieriger, unpopuläre Maßnahmen in Griechenland durchzusetzen. Insofern muss der Druck aufrechterhalten werden, dass Athen die Reformmaßnahmen, zu denen es sich bekennt, auch tatsächlich umsetzt.

Griechenland steht heute schlechter da als vor dem ersten Sparpaket. Woran liegt das?

Vöpel: Das liegt schlicht daran, dass sich Griechenland in einer tiefen Rezession befindet. Die Nachfrage bricht immer mehr ein. Da ist eine Konsolidierung schwierig. Allzu harte Sparmaßnahmen, vor allem in kurzer Frist, sind noch zusätzliches Gift.

Immerhin haben die EU-Staaten Griechenland bislang vor dem Bankrott bewahrt.

Vöpel: Natürlich hilft das. Damit hat Griechenland aber noch nicht seine enormen strukturellen Probleme überwunden. Die Privatwirtschaft ist schlicht nicht wettbewerbsfähig und der öffentliche Sektor viel zu aufgebläht. Das zu beheben, braucht aber Zeit.

Die übrigen EU-Staaten haben aber signalisiert, dass ihre Geduld zu Ende ist.

Vöpel: Ohne die Beseitigung der strukturellen Defizite ist Griechenland ein Fass ohne Boden. Die Voraussetzungen dafür müssen aber die Griechen selbst schaffen. Die Ausgaben des Staates müssen vom konsumtiven in den investiven Bereich umgelenkt werden. Nur so kann das Land wieder auf die Beine kommen.

Was heißt das für die anderen EU-Staaten?

Vöpel: Dass sie sich zumindest kurzfristig auf noch mehr Hilfen für Athen einstellen müssen. Die Solvenz Griechenlands sicherstellen und strukturelle Reformen verwirklichen - beides kostet Geld, das Athen nie und nimmer allein schultern könnte.

Das klingt, als müsste Griechenland um jeden Preis geholfen werden.

Vöpel: Sicher: Wenn es in Griechenland nicht zu Fortschritten kommt, dann wird es für die wirtschaftlich starken Staaten immer schwerer, weitere Hilfen politisch zu legitimieren. Aber was wäre die Alternative? Ein Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone würde die Ansteckungsgefahr für andere schwache Länder wie etwa Portugal enorm vergrößern. Und dann käme uns die Euro-Rettung noch teuerer zu stehen.

Aber wenn Griechenland die Euro-Zone verlassen würde, könnte es mit einer eigenen, stark abgewerteten Währung neu starten.

Vöpel: Die Folgen wären sehr ungewiss. Ich halte einen Verbleib Griechenlands im Euro-Raum ökonomisch für sinnvoller - auch weil es dadurch leichter an internationale Hilfen kommt. Ein Austritt aus der Euro-Zone dagegen hätte für Griechenland unabsehbare Konsequenzen.