Rede des französischen Präsidenten in Dresden Macron schwört Jugendliche auf selbstbewusstes Europa ein

Berlin/Dresden · In seiner Rede hat der französische Staatspräsident dazu aufgerufen, in Europa mehr für die eigene Sicherheit und Wirtschaft zu tun und Extremismus entgegenzutreten. An vielen Stellen sprach Macron auf Deutsch – und bekam Jubel vom Publikum in Dresden.

Emmanuel Macron, Präsident von Frankreich, winkt nach seiner Rede den Festbesuchern beim Europäischen Jugendfest «Fête de l'Europe» auf dem Neumarkt vor der Frauenkirche in Dresden.

Emmanuel Macron, Präsident von Frankreich, winkt nach seiner Rede den Festbesuchern beim Europäischen Jugendfest «Fête de l'Europe» auf dem Neumarkt vor der Frauenkirche in Dresden.

Foto: dpa/Jan Woitas

Bei strahlendem Sonnenschein müssen die Menschen in Dresden vor der Frauenkirche noch etwas warten. Emmanuel Macron hat bei einem Zusammentreffen mit jungen Menschen länger gebraucht als geplant, die Gespräche zogen sich hin. Er beginnt daher seine mit Spannung erwartete Rede an diesem Montag mit etwa einer Stunde Verspätung. Der Stimmung tut das keinen Abbruch.

Als Macron auf die Bühne tritt, gibt es tosenden Applaus, junge Stimmen kreischen, es herrscht Volksfeststimmung. Im Publikum: Tausende Jugendliche aus Sachsen, Polen, Tschechien und Frankreich. Es ist Macron 75 Jahre nach der Schaffung des Grundgesetzes und 35 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung ein besonderes Anliegen, vor jungen Menschen zu sprechen und an sie die Botschaften zur Zukunft Europas zu richten.

Wie er es schon an Frankreichs berühmter Universität Sorbonne tat. Vor einem Monat erst hatte Macron in einer Grundsatzrede einen Ruck in Europa für mehr Unabhängigkeit, wirtschaftliche Stärke und Sicherheit gefordert. Angesichts militärischer Bedrohungen, der Konkurrenz durch die USA und China sowie einer Infragestellung der Demokratie müsse Europa seine Souveränität ausbauen, seine Werte verteidigen sowie seine Interessen und Märkte schützen. „Europa kann sterben“, warnte der Präsident da.

Dresden ist als sächsische Hauptstadt und östlichste Großstadt Deutschlands kein zufällig gewählter Ort für den Auftritt. Macron ist der erste französische Staatspräsident, der hier spricht. Und so würdigt er Dresden zu Beginn seiner Rede als eine Stadt, die immer wieder an der Spitze großer Veränderungen stand. Wie Phoenix aus der Asche sei Dresden aus der Zerstörung des Zweiten Weltkriegs auferstanden, die friedliche Revolution hin zur Wiedervereinigung habe maßgeblich in Dresden stattgefunden, heute gebe es mit dem Silicon Saxony einen Ort der Innovationen in der Nähe.

Als Macron an diesem Abend in Dresden spricht, hört Frank Gröninger besonders gespannt zu. Für ihn ist es der Test, ob sein Schüler seine Lektion gut gelernt hat. Der gebürtige Hesse, der seit Jahrzehnten in Frankreich als Deutschlehrer arbeitet, hat mit Macron bis zuletzt an der Aussprache gefeilt. Denn Macron hält seine fast einstündige Rede in weiten Teilen auf Deutsch, was zu Beginn für Begeisterung auf dem Dresdner Neumarkt führt.

Der Präsident will mit der Rede wachrütteln. Er will gerade die jungen Menschen im Publikum einschwören auf ein selbstbewusstes Europa. So ruft er dazu auf, angesichts des russischen Angriffskriegs in der Ukraine ein gemeinsames Verteidigungs- und Sicherheitskonzept zu entwickeln. Macron mahnt mehr europäische Zusammenarbeit bei Rüstungs- und Verteidigungsprojekten an, auch mehr Unabhängigkeit von den USA. Europa müsse in der Lage sein, sich selbst zu verteidigen, ruft Macron.

Er erhält viel Zwischenapplaus an diesem Abend. Er erreicht die Menschen in Dresden, das ist deutlich. Mit kraftvollen Worten ruft er dazu auf, das europäische Wohlstandsversprechen nicht aus den Augen zu verlieren. Es brauche sehr viele Investitionen etwa in Künstliche Intelligenz, so Macron. Es brauche einfachere Regeln für die Wirtschaft, mehr Fokus auf den Binnenmarkt, fairen Handel mit Partnern – und er warnt vor Naivität. Zudem müsse bei alldem auch Klimaschutz und Dekarbonisierung vorangebracht werden. Es brauche einen doppelt so großen europäischen Haushalt, sagt Macron und nennt als Instrumente mehr private Investitionen oder auch Schulden. Knapp zwei Wochen vor der Europawahl bezeichnet Macron die EU gleichzeitig als das beste Mittel, mit dem sich Europäer für die internationale Konkurrenz wappnen könnten.

Und dann, das verfängt in Dresden besonders, warnt der französische Präsident vor der Versuchung der Spaltung. Er warnt vor den Extremisten. In Sachsen finden in diesem Jahr Landtagswahlen statt, ebenso in Thüringen und Brandenburg. Die AfD ist vielerorts in Umfragen stärkste Kraft. In seiner Rede erwähnt Macron Ungarn, das viele antidemokratische Gesetze hat, und Polen, wo es bis vor der vergangenen Wahl auch so war. Macron appelliert: „Lasst uns aufwachen! Unser Europa ist kein Supermarkt!“ Europa sei nicht nur ein Ort, an dem man sich gemeinsame Regeln gebe. „Es ist eine Säule der Werte, der Kultur, der individuellen und politischen Freiheiten.“ Zudem ruft Macron dazu auf, junge Menschen in der digitalen Welt nicht allein zu lassen. Auch dort gelte es, die Demokratie zu verteidigen, ruft Macron.

Deutschland könne auf Frankreich zählen, Frankreich zähle auf Deutschland, so Macron. Und die deutsch-französische Freundschaft sei bei all den vielen gleichzeitigen Herausforderungen eine Konstante, sagt Macron. Es sind versöhnliche, aufmunternde, zuversichtliche Worte, die der Präsident in Dresden findet – entgegen der Kritik an den Spannungen im deutsch-französischen Verhältnis, die es zuletzt etwa in der Verteidigungs-, Wirtschafts- und Energiepolitik gab.

Zuvor besuchte der Präsident das Holocaust-Mahnmal in Berlin.

Zuvor besuchte der Präsident das Holocaust-Mahnmal in Berlin.

Foto: dpa/Markus Schreiber

An diesem Dienstag reist Macron schließlich nach Münster weiter, wo ihm der Preis des Westfälischen Friedens verliehen wird. Der Staatsbesuch geht am Dienstagnachmittag dann in ein deutsch-französisches Regierungstreffen in Meseberg über.

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