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TV Duell: Ein Duell ohne klaren Sieger

TV Duell : Ein Duell ohne klaren Sieger

Martin Schulz bringt Angela Merkel beim TV-Duell manches Mal in die Defensive. Beide kritisieren Schröders Russland-Engagement.

Das letzte Wort hat Angela Merkel. So ist es ausgelost worden. Sie sagt: „Ich glaube, dass wir das gemeinsam schaffen.“ Die Bundeskanzlerin spricht die rund 20 Millionen Zuschauer direkt an, die dem Geschehen daheim auf ihren Sofas oder bei Public-Viewings folgen, und bitte um ihre Stimmen. Der Wahlkampf 2017 hat seinen Höhepunkt: das TV-Duell.

Die Spitzenkandidatin der Union nutzt ihre Schlussworte wie einen Gratis-Werbespot, zeitgleich verbreitet von vier Sendern. Martin Schulz (SPD) hat sich dafür etwas Besonderes ausgedacht. „Wie viel Zeit habe ich?“, fragt er wie ahnungslos. „60 Sekunden“, antwortet Peter Kloeppel (RTL). „In 60 Sekunden verdient eine Krankenschwester unter 40 Cent und ein Manager über 30 Euro“, sagt Schulz scheinbar spontan und appelliert an den „Mut zum Aufbruch“. Hier agieren zwei Profis, 95 Minuten lang.

Als Schulz um 19.15 Uhr vor dem Studio im Südosten Berlins vorfährt, reckt er beide Daumen hoch. Angela Merkel kommt sechs Minuten später, in einem marineblauen Blazer. Sie strahlt, als sei das hier eine ihrer leichtesten Übungen.

Neben dem eigentlichen Fernsehstudio in Berlin-Adlershof ist ein Pressezentrum aufgebaut, in dem die 300 Journalisten aber fast in der Minderheit sind. Club-Atmosphäre ist angesagt. Dezente Musik, Loungemöbel, Kronleuchter tauchen die Szenerie in warmes Licht. Es gibt Cocktails: „Würselenes-Jungenspiel“ und „Vorpommersche Teezeit“. Der eine steht für Schulz, der andere für Merkel. Wie bei einer Fußball-WM kann das Duell auf zwei riesigen Leinwänden verfolgt werden. Für die CDU sieht man Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, die Ministerpräsidenten Armin Laschet aus NRW und Annegret Kramp-Karrenbauer aus dem Saarland. Auch CDU-Generalsekretär Peter Tauber ist da.

Die wichtigste Aufgabe der Merkel-Getreuen: Keinen Zweifel an der Kanzlerin aufkommen lassen, und das den Journalisten einbläuen. Die einzige Aufgabe der Schulz-Fans: den Kandidaten vorab zu loben und seinen Sieg anzukündigen. Also tummelt man sich in den Sitzlandschaften oder an den Stehtischen, sucht das Gespräch mit den Journalisten – und umgekehrt. Für die SPD ist Generalsekretär Hubertus Heil da, auch die beiden Ministerpräsidentinnen Manuela Schwesig und Malu Dreyer sind gekommen, beide konsequent in rot gekleidet. Beide Lager sitzen klar voneinander getrennt. Auch die Opposition lässt sich den Auftritt hier nicht nehmen. Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch sagt, dass beide Kanzlerkandidaten sowieso nichts gegen die wirklichen sozialen Probleme des Landes täten. Und Grünen-Generalsekretär Michael Keller erwartet nur ein „gepflegtes Gespräch der Langeweile“.

Martin Schulz hat angekündigt, dass er sich in kein Korsett zwängen lässt. Nach acht Minuten ist es das erste Mal so weit. Eine kritische Frage von Claus Strunz (Sat.1) zu seiner Haltung zu Flüchtlingen nutzt der SPD-Herausforderer, um seinerseits Angela Merkel anzusprechen. Sie habe gesagt, sie werde in der Flüchtlingsfrage alles genauso machen wie 2015. Und das sei falsch. Denn sie habe das Problem weder vorher rechtzeitig erkannt, noch die europäischen Partner nicht eingebunden. Die Kanzlerin antwortet, dass sie doch alles zusammen mit der SPD, mit Sigmar Gabriel „und dem Bundesaußenminister“ (damals Frank-Walter Steinmeier) entschieden habe. „Wir haben da sehr gut zusammengearbeitet.“ Freilich gehörte Schulz der großen Koalition damals nicht an, sondern saß im Europaparlament. Er bleibt bei seiner Kritik. Punkt für Schulz.

Der Frageblock zu Flüchtlingen und Migration ist unangenehm für die Kanzlerin, sie muss sehr viel erklären. Die fehlenden Abschiebungen, die langsame Bearbeitung der Asylanträge, Hassprediger. Merkel wirkt hier defensiv, redet etwas kompliziert. Schulz ist klarer, auch entschlossener. Beim Thema Türkei ist das noch deutlicher. Schulz sagt, er werde, „wenn ich Kanzler bin“, die EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei sofort beenden. Dass sei die Sprache, die Erdogan verstehe. Angela Merkel kann als amtierende Kanzlerin so weit nicht gehen. Sie kann nur mit dem Ende der Zollunion und stärkeren Reisewarnungen drohen. Und darauf verweisen, dass sie darüber erst am Freitag mit Sigmar Gabriel gesprochen habe. Das ist wieder der Versuch, die SPD in die Mitverantwortung der großen Koalition zu nehmen.

Die Moderatoren haben sich am Wochenende ebenfalls intensiv vorbereitet. Sie fragen auf den Punkt, auch hartnäckig. Und erzielen Wirkung. Die aufgesetzte Lockerheit, die beide Duellanten noch ganz zu Beginn zeigen, weicht sehr schnell einer großen Ernsthaftigkeit. Anfangs lächelt Merkel noch süffisant, wenn er redet. Das hört bald auf. Es gibt eine kurze Fragerunde, in der die Kandidaten nur mit Ja oder Nein antworten dürfen. Merkel fällt das deutlich schwerer als dem Herausforderer. Aber auf die Frage, ob sie Gerhard Schröders (SPD) Engagement für den russischen Ölkonzern Rosneft gut oder schlecht finde, antwortet sie schnörkellos „schlecht“. Und fügt noch hinzu, der ehemalige Bundeskanzler untergrabe damit die Sanktionen gegen Russland. Schulz sieht das in der Sache nicht anders.

Einmal bricht im Pressezentrum parteiübergreifend großes Gelächter aus. Als Merkel dementiert, dass die CDU die Rente mit 70 anstrebe, sagt Schulz nämlich: „Das finde ich toll, zum ersten Mal eine Position.“ Natürlich meint der SPD-Kandidat das nur ironisch, denn im gleichen Atemzug erinnert er daran, dass Merkel beim letzten TV-Duell auch gesagt habe, die Pkw-Maut komme nicht. Jetzt wirkt Merkels Lächeln verlegen.

In ganz Deutschland verfolgten die Menschen gestern Abend das TV-Duell – selbst in Fitness-Studios liefen die Fernseher. Foto: dpa/Sebastian Kahnert

Je länger das Duell dauert, umso wohler scheint sich Schulz zu fühlen, er probiert auch mal ein Witzchen, die aber alle nicht recht zünden. Und Merkel ist es nicht immer behaglich. Als es um den Diesel-Skandal geht, fragt Maybrit Illner (ZDF): „Warum sind sie so zurückhaltend?“ Da guckt die Kanzlerin, als wolle sie mit den Augen Blitze aussenden auf die Journalistin. „Man kann von Zurückhaltung nicht reden. Ich bin entsetzt über die Industrie, ich bin stocksauer.“