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Drohende Triage: Ethikrat lehnt in Corona-Krise Kategorisierung nach Alter ab

Triage : Ethikrat lehnt in Corona-Krise Kategorisierung nach Alter ab

Sollten Mediziner in der Corona-Krise über Leben und Tod entscheiden müssen, dürfen nach dem Willen von Ärztefunktionären und Deutschem Ethikrat nur medizinische Kriterien zählen.

So müsse etwa sichergestellt werden, dass Entscheidungen unabhängig von sozialem Status, Herkunft, Alter oder Behinderung getroffen werden, teilte der Ethikrat am Freitag mit.

Der Hintergrund: In Ländern wie Italien haben die Ärzte so viele schwerkranke Patienten, dass sie die sogenannte Triage anwenden müssen – ein System der Kategorisierung von Patienten, bei dem die hoffnungslosesten Fälle bei fehlenden Kapazitäten nicht mehr behandelt werden. Dabei spielt nach Aussage von Christian Salaroli, Arzt in einer Klinik im besonders stark von der Corona-Krise getroffenen Bergamo, auch das Alter der Patienten eine Rolle: Der Zeitung Corriere della Sera sagte er: „Es wird entschieden nach Alter und Gesundheit. Wie in richtigen Kriegssituationen. Wenn jemand zwischen 85 und 90 ernsthafte Atemaussetzer hat, ist es wahrscheinlich, dass wir nicht weiter machen.“ Auch über die Universitätsklinik im französischen Straßburg gab es Berichte, nach denen dort Patienten über 80 nicht mehr beatmet werden. Das wurde vom Krankenhaus jedoch vehement dementiert (siehe Seite A 2).

Auch hierzulande sei eine Situation möglich, „in der nicht mehr ausreichend intensivmedizinische Ressourcen für alle Patienten zur Verfügung stehen“, teilte der Ethikrat mit. Der Staat dürfe menschliches Leben jedoch nicht bewerten, und deshalb auch nicht vorschreiben, welches Leben in einer Konfliktsituation vorrangig zu retten sei. „Alle Menschen sind gleich wichtig“, sagte das saarländische Mitglied des Ethikrates, der Professor für Humangenetik am Uniklinikum Homburg, Wolfram Henn. „Niemand darf nur aufgrund seines Alters oder anderer Eigenschaften abgewiesen werden. Bei uns im Saarland gilt auch, und das ist gut: schon gar nicht deshalb, weil er oder sie vielleicht aus Frankreich kommt.“ Im Saarland wurden zuletzt auch Corona-Patienten aus der französischen Nachbarregion Grand Est behandelt (Lesen Sie hier die vollständige Stellungnahme Professor Henns).

Auch Uwe Janssens, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), kündigte für den Fall einer möglichen Triage an: „Wir haben uns ganz klar gegen das Kriterium ‚Alter’ entschieden und wollen sehr viel differenzierter vorgehen.“ In einem Team aus drei Experten mit unterschiedlichen Blickwinkeln solle entschieden werden. Den Empfehlungen zufolge spielen dabei der Schweregrad der aktuellen Erkrankung sowie relevante Begleiterkrankungen eine wesentliche Rolle. Auch der Patientenwille – aktuell oder per Verfügung – sei fester Bestandteil bei allen Entscheidungen.

Für den Ethikrat hat Priorität, Triage-Situationen von vornherein zu vermeiden. Das sei der wesentliche Orientierungspunkt für das Vorgehen in der kommenden Zeit. Zugleich sollten aber die derzeit ergriffenen Maßnahmen – Stichwort Kontaktsperre – regelmäßig evaluiert werden, „um Belastungen und Folgeschäden so gering wie möglich zu halten“. Freiheitsbeschränkungen müssten bald schrittweise gelockert werden, fordert das Gremium, ohne einen konkreten Zeithorizont zu nennen.