DIW-Chef Fratzscher: Drittes Hilfsprogramm für Griechenland sinnvoll

Berlin · Griechenland kann auf weitere Milliardenhilfen hoffen. Das haben die Finanzminister der Euro-Zone in Aussicht gestellt. Der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, sieht dazu keine vernünftige Alternative. Alles andere käme Deutschland noch viel teurer zu stehen, sagte der 43jährige Ökonom im Gespräch mit unserem Berliner Korrespondenten Stefan Vetter:

Herr Fratzscher, ist die Finanzkrise wieder nach Europa zurückgekehrt?
Nein, auch wenn Griechenland zuletzt nicht mehr ganz so in der öffentlichen Wahrnehmung stand, so war doch immer klar, dass weitere Hilfen unumgänglich sind. Die Frage ist jetzt, ob ein neues Programm sinnvoll ist, ein Schuldenschnitt, oder eine Umstrukturierung, sprich, eine Laufzeitverlängerung der Kredite und Zinsnachlässe, oder eine Kombination aus diesen drei Möglichkeiten. Ich denke, wir brauchen eine Kombination.

Warum?
Weil Griechenland sonst kaum über den Berg kommt. Das Land ist nach wie vor so gestellt, dass es nicht an die Kapitalmärkte zurückkehren kann, um sich Geld zu leihen. Die griechische Regierung zeigt zwar großes Selbstbewusstsein in der Öffentlichkeit, aber das ist eher Wunschdenken.

Tatsache ist, dass schon munter über ein drittes Hilfspaket diskutiert wird, während die EU-Troika noch nicht einmal das zweite komplett freigegeben hat.
Griechenland hat zwar einige Reformen umgesetzt, aber eben bei weitem nicht solche Fortschritte gemacht, wie das in Portugal oder Irland der Fall ist. Die Europäer stehen nun vor dem Problem, was tun? Griechenland fallen zu lassen, nachdem das Land bereits Hilfen im Gesamtumfang von 240 Milliarden Euro erhalten hat, ist nicht wirklich eine Option.

Was heißt das für den deutschen Steuerzahler?
Er wird mit zur Kasse gebeten. Auch bei der schon erwähnten Umstrukturierung gilt ja, dass der Wert der Gelder, die Deutschland aus Griechenland zurückbekommen wird, geringer sein wird als ursprünglich vorgesehen.

Wäre es da nicht besser, wenn Griechenland sich vom Euro verabschieden würde?
Das wäre die schlechteste Alternative, denn dann würden sich die Belastungen für die deutschen Steuerzahler vervielfachen. Mit einem Euro-Austritt wäre ein riesiger Schuldenschnitt für Griechenland unvermeidlich. Denn eine neue griechische Währung wäre nur einen Bruchteil vom Euro wert. Obendrein fiele Griechenland dann erst recht in eine tiefe Depression. Beides kann nicht im Interesse Deutschlands sein.

Aber Deutschland kann doch auch kein Interesse daran haben, immer weiter in ein Fass ohne Boden zu investieren.
Es mag paradox klingen, aber gerade deshalb ist ein drittes Hilfsprogramm sinnvoll. Nur so hat die EU weiter eine Kontrollfunktion gegenüber Griechenland, und so kann eher sichergestellt werden, dass keine Kosten auf Deutschland zukommen. Ein drittes Programm heißt ja nicht, es gibt weiter Geld, macht damit, was ihr wollt. Das Geld fließt nur dann, wenn Griechenland weitere Reform-Auflagen erfüllt.

Seit Monaten diskutiert die EU über einen Abwicklungsmechanismus für marode Banken, bei dem die Gläubiger im Ernstfall die Verluste tragen und nicht die Steuerzahler. Warum lässt eine Einigung weiter auf sich warten?
Die Idee ist, dass Banken in einen Abwicklungsfonds einzahlen, um sich im Krisenfall selbst zu helfen. Eine gute Idee. Das Problem ist nur, dass es Zeit braucht, bis dieser Fond groß genug ist, um effektiv sein zu können. Eine umfassende Bankenunion wird daher nur in kleinen Schritten verwirklicht werden, auch wenn wir nun mit der gemeinsamen Aufsicht in diesem Jahr einen ganz wichtigen Schritt tun.

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