Die SPD startet ihren Europawahlkampf in Saarbrücken. Die sozialdemokratische Familie hält zusammen: Kühnert wird mit brandendem Applaus begrüßt.

SPD-Auftaktveranstaltung zur Europawahl : Robustes Selbstbewusstsein und markige Kampfeslust

Die SPD startet ihren Europawahlkampf in Saarbrücken. Die sozialdemokratische Familie hält zusammen: Juso-Chef Kühnert wird mit brandendem Applaus begrüßt.

„Klare Kante gegen rechts“, diesen Spruch brachte Spitzenkandidat Udo Bullmann mit nach Saarbrücken, zur bundesweiten Auftaktveranstaltung für den SPD-Europawahlkampf. Dieser Satz transportiert nicht nur die Hauptbotschaft, mit der die Sozialdemokraten in die entscheidende Phase vor der Wahl am 26. Mai ziehen. Er sagt auch viel aus über das robuste Selbstbewusstsein und die markige Kampfeslust, die die Führungsmannschaft der Sozialdemokratie vermitteln will. Die SPD versteht sich ganz selbstverständlich als einzige Sachwalterin eines freiheitlichen und gemeinschaftlichen Europas. Denn: „Die Konservativen laufen den Rechtspopulisten hinterher“, hieß es sinngemäß in fast allen Redebeiträgen. Fazit: Die Konservativen sind unzuverlässige Gesellen im Kampf gegen nationalistische Tendenzen und Europa-Gefährder. Nach Meinung der Sozialdemokraten befindet man sich in einem historischen Schicksalsmoment, den man nicht mit „Angsthasenfußball“ gewinnen kann. „Wir müssen zeigen, dass wir das Spiel gewinnen wollen!“, rief Bullmann den rund 800 Menschen auf dem Tbilisser Platz vor dem Saarbrücker Theater zu.

Die emotionale „Wir geben alles“-Rhetorik zog sich mehr oder minder durch alle Wortbeiträge, wobei die beiden Bundesminister Heiko Maas und Olaf Scholz bei ihrer kühl temperierten Art blieben. Doch auch sie betonten, Europa sei ein von rechts bedrohtes, einzigartiges Friedensprojekt. Die Minister hatten, anders als SPD-Parteichefin Andrea Nahles zu Beginn, nur sehr kurze Redezeiten, denn die rund zweistündige Veranstaltung lieferte keine langen Einzelreden, sondern erprobte ein neues Verfahren. Die Prominenz wurde in wechselnden Talkrunden befragt, lieferte dort dann allerdings die bereits bekannten Inhalte: Das Ziel sei ein soziales Europa. Dabei geht es der SPD um einen europäischen Mindestlohn, gleichen Lohn für gleiche Arbeit für Männer und Frauen, eine Besteuerung transnationaler Konzerne wie Amazon und Co. sowie um eine Energiepolitik, die Klimaschutz und den Schutz der Autofahrer vor steigenden Spritpreisen unter einen Hut bringt.

SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil befragte unter anderem Juso-Chef Kevin Kühnert – jedoch nicht zu seiner sozialistischen Enteignungs- und Wohneigentums-Vision. Kühnert äußerte sich hingegen zum Wahlalter mit 16. Die SPD sei die einzige Partei, die das europaweit umsetzen wolle, so Kühnert. Als er ins Podium gerufen wurde, brandete nahezu jubelnder Beifall auf. Wollte man in Saarbrücken zeigen: Die sozialdemokratische Familie hält zusammen?

Bürgerfragen mussten nur die Spitzenkandidaten Bullmann und Katarina Barley beantworten. Die Berliner Justizministerin ist, wie hier lobend hervorgehoben wurde, die Erste seit je, die bereit ist, den Top-Job in Berlin um Europa willen aufzugeben. Für die saarländische SPD-Landesvorsitzende Anke Rehlinger ist Barley „eine Europäerin, wie man sie sich besser nicht schnitzen kann“. Warum? Das erläuterte die Deutsch-Britin Barley, die die doppelte Staatsbürgerschaft besitzt, selbst, berichtete über ihre ungewöhnliche Familien-Biografie, die ihren Söhnen Großeltern aus vier Staaten bringt. Es seien persönliche Pro-Europa-Geschichten wie ihre, mit denen die Sozialdemokraten im Wahlkampf nach Barleys Meinung auf Überzeugungs-Tour gehen sollten. Durch Fakten und Daten gewinne man die Menschen kaum mehr, zu viel Neid, Eifersucht und Missgunst sei im Spiel. Gegentherapie? Gefühl. Das ist jetzt also auch bei der SPD gefragt.

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