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„Der Westen macht schwere Fehler“

„Der Westen macht schwere Fehler“

Schon vor vier Jahren hatte Nordkorea den USA mit einem Atomschlag gedroht. Zuletzt forcierte Pjöngjang seine Atom- und Raketentests, was US-Präsident Donald Trump nicht länger hinnehmen will. Über den Konflikt sprach unser Berliner Korrespondent Stefan Vetter mit dem Direktor des Instituts für Ostasienwissenschaften an der Universität Wien, Professor Rüdiger Frank:

Herr Frank, Sie bereisen Nordkorea regelmäßig, waren zuletzt im Februar dort. Ist das nur wieder das typische Säbelgerassel von Diktator Kim Jong Un, oder steckt mehr dahinter?
Rüdiger Frank:
Absolute Sicherheit gibt es nie, aber nach Maßgabe unserer bisherigen Erfahrungen und angesichts der strategischen Lage Nordkoreas kann man davon ausgehen, dass es sich "nur" um Drohungen handelt. Diese sind ziemlich heftig, müssen aber fairerweise auch im Zusammenhang mit amerikanischen Drohungen gesehen werden. Das geht schon seit Jahren so.

Also alles wie gehabt?
Rüdiger Frank:
Neu in diesem bedauernswerten Spiel ist die Person Donald Trump. Er ist nur schwer einzuschätzen, was den Handlungen der USA eine gewisse Gefährlichkeit verleiht. Vor allem weiß niemand, insbesondere nicht in Pjöngjang, ob die Amerikaner nicht doch einen Angriff auf Nordkorea riskieren, vielleicht einen begrenzten Militärschlag auf ein Testgelände oder gleich eine massive Invasion. Darüber gesprochen haben sie schon seit Bill Clinton 1994. Seither gab es Afghanistan, Irak, Libyen und kürzlich Syrien.

Die USA installieren gerade ein Raketenabwehrsystem in Südkorea . Wie wird der Norden nach Ihrer Erwartung reagieren?
Rüdiger Frank:
Nordkorea wird das als Provokation sehen, so wie auch China und Russland, gegen die sich das System ja ebenfalls einsetzen lässt.

Lässt sich der Konflikt mit noch schärferen UN-Sanktionen lösen?
Rüdiger Frank:
Sanktionen haben bisher nicht funktioniert, und sie werden es auch in Zukunft nicht. Das hat eine Vielzahl von Gründen. Dazu gehören die Widerstandsfähigkeit der nordkoreanischen Wirtschaft und das Desinteresse Chinas an einem Zusammenbruch Nordkoreas.

Wie groß ist der Einfluss Pekings auf Nordkorea?
Rüdiger Frank:
Der Einfluss Chinas auf Nordkorea ist eher gering. Beide Länder stehen sich seit Jahrzehnten mit großem Misstrauen gegenüber. Kim Jong Un hat in den über fünf Jahren, seit er an der Macht ist, den chinesischen Präsidenten Xi Jinping noch nicht ein einziges Mal getroffen. Es gibt keine gemeinsamen Militärmanöver. Beide Staaten eint praktisch nur die gemeinsame Feindschaft zu den USA.

Aber Nordkorea wickelt immerhin mehr als 90 Prozent seines Außenhandels allein mit China ab...
Rüdiger Frank:
Das ist korrekt, und es zeigt den schweren Fehler des Westens. 2002 war noch Japan der größte Handelspartner mit über 50 Prozent. Diesen Einfluss haben wir aufgegeben, anstatt ihn auszubauen. Nun hoffen wir, dass es die Chinesen richten werden. Doch sie wollen nicht, weil ein kollabiertes Nordkorea Teil eines mit den USA verbündeten Südkorea werden würde.

Wie lässt sich die Situation entspannen?
Rüdiger Frank:
Nordkorea befindet sich mitten in einer Transformation nach chinesischem Muster, die durch Sanktionen und äußeren Druck nur verzögert wird. Wir sollten sie aber vielmehr unterstützen. Die USA und Nordkorea müssen miteinander reden, um herauszufinden, was die Gegenseite will. Bei Kim dürfte es um den Regimeerhalt gehen und um den Schutz vor einer zwangsweisen Demokratisierung per Waffengewalt. Wenn das eine unbegründete Furcht ist - fein, dann erklären wir ihm das. Doch wenn der Westen grundsätzlich nicht bereit ist, das Ziel des Regimesturzes in Nordkorea aufzugeben, dann sollten wir das auch so sagen und nicht das Atomwaffenproblem vorschieben.