Der künftige Ratspräsident Charles Michel soll Gipfel-Kompromisse finden

Neuer Ratspräsident : Belgier Charles Michel soll künftig Gipfel-Kompromisse finden

Zu seinem neuen Büro könnte der künftige EU-Ratspräsident Charles Michel (43) zu Fuß gehen. Sein bisheriger Schreibtisch stand nur ein paar hundert Meter vom Ratsgebäude der Union entfernt – im Palais des belgischen Ministerpräsidenten.

Seit 2014 hat der Wallone die Föderalregierung gelenkt, seit Dezember 2018 allerdings nur noch geschäftsführend, weil ihm sein wichtigster Koalitionspartner, die flämischen Konservativen, abhandengekommen war.

Als er vor fünf Jahren zum neuen Premierminister Belgiens aufstieg, war er gerade mal 38 Jahre alt. Schon mit 14 klebte er Wahlplakate für Papa Louis, der als belgischer Außenminister und späterer EU-Kommissar bekannt wurde. Charles war gerade 18 Jahre alt, als er einen Sitz im Regionalparlament ergatterte. Mit 23 saß er im föderalen Parlament in Brüssel. Mit 24 wechselte er auf den Posten als wallonischer Innenminister. Spätestens da galt er nicht mehr nur als „Sohn von Louis“, zumal der als diskret und ruhig geltende Charles Michel anders als sein oft cholerisch wirkender Vater rüberkam.

Der liberale Politiker führte eine schwierige Koalition aus flämischen Christdemokraten, flämischen Liberalen und der rechtsnationalen Partei des Flamen Bart de Weber. Seine wallonischen Liberalen (MR: Mouvement Réformateur) war die einzige Partei aus dem frankophonen Landesteil. Und er hatte auch gleich alle Hände voll zu tun: Aus dem Staatshaushalt mussten mehrere Milliarden herausgekürzt werden, um den Stabilitätsanforderungen der EU zu entsprechen. „Solche Aktionen kann man nur langfristig angehen“, begründete er die Anhebung des Renteneinstiegsalters.

Die Rotstift-Aktion brachte ihm nicht nur einen Generalstreik ein, sondern auch eine Portion Pommes, die ihm eine Aktivistin bei einem Auftritt ins Gesicht schleuderte – stilecht mit Mayonnaise natürlich. Doch der Premier gab und gibt sich gerne kämpferisch. Michel regierte ein Land, das sich selbst auffrisst, weil Löhne, Gehälter, Mieten und andere Einnahmen automatisch aufgrund eines jährlich festgelegten Preisindex steigen.

Nun übernimmt er den Job von Donald Tusk – einerseits, weil er zur liberalen Parteienfamilie gehört und als Vertrauter des französischen Staatspräsident Emmanuel Macron gilt. Aber wohl auch deshalb, weil er schlicht frei war. Denn bei den belgischen Wahlen am 26. Mai war Michel abgewählt worden. Zudem kann er als belgischer Politiker mit Regierungserfahrung Kompromisse schließen. Auf seinen neuen Posten ist Michel mit dem Votum der Staats- und Regierungschefs bereits gewählt. Das EU-Parlament hat kein Mitspracherecht.

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