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Coronavirus: Ethikrat-Sprecher Wolfram Henn aus Homburg kommentiert Krise

Ethikratsprecher Henn zur Corona-Krise : „Wir sehen uns einem unsichtbaren Feind gegenüber“

Sollten Mediziner in der Corona-Krise über Leben und Tod entscheiden müssen, dürfen nach dem Willen von Ärztefunktionären und Deutschem Ethikrat nur medizinische Kriterien zählen. Der Sprecher des Ethikrats, der Homburger Professor für Humangenetik Wolfram Henn, kommentiert die Stellungnahme des Gremiums.

„Wir sehen uns einem unsichtbaren Feind gegenüber, der uns in nie gekannter Weise herausfordert, und es gibt keinen einfachen Weg, ihn zu besiegen. Eins ist aber klar: Wir stehen nicht in einem Krieg gegeneinander, sondern in einem Kampf, den wir nur miteinander gewinnen können. Es ist also Solidarität gefordert; Einzelgängertum schadet allen. Wie können wir nun diese Solidarität gestalten und die Lasten fair verteilen? Damit befasst sich der Ethikrat in seiner Stellungnahme. Die drängendste Bedrohung besteht in einer Überlastung unseres Gesundheitssystems. Wir sind zwar besser ausgestattet als die meisten anderen Länder, aber wir müssen in der Kürze der Zeit zum einen unsere Kapazitäten für die Intensivmedizin aufstocken, und zum anderen - und hier ist jeder und jede gefordert – die Ausbreitung des Virus durch Selbstdisziplin verlangsamen. Körperliche Distanz heißt das Stichwort, soziale Nähe können wir wenigstens ein Stück weit auch über Telefon und soziale Medien aufrechterhalten. Was aber, wenn alles nicht ausreicht und mehr Schwerkranke in die Krankenhäuser strömen, als sie bewältigen können? Hier sagt der Ethikrat: Alle Menschen sind gleich wichtig; niemand darf nur aufgrund seines Alters oder anderer Eigenschaften abgewiesen werden. Bei uns im Saarland gilt auch, und das ist gut: schon gar nicht deshalb, weil er oder sie vielleicht aus Frankreich kommt. Wenn wir aber keine pauschalen Vorgaben für den Zugang zur Behandlung machen, müssen die Ärztinnen und Ärzte dann auch die Sicherheit haben, für individuelle, schmerzliche Entscheidungen, die sie nach ihrem ärztlichen Gewissen treffen müssen, später nicht belangt zu werden.

In einigen Wochen, vielleicht doch erst Monaten werden wir über diese kritische Phase hinweg sein. Dann müssen wir zielstrebig, aber umsichtig in unser normales Leben zurückfinden. Für die Politik bedeutet das eine schwierige Aufgabe: Sie muss nach wissenschaftlichen Ratschlägen, aber in eigener Verantwortung den Menschen die Freiheiten, die sie jetzt aus guten Gründen aufgeben mussten, so früh wie irgend möglich zurückzugeben, aber eben nicht zu früh. Unsere Demokratie ist stark genug, das sicherzustellen und dann auch wirtschaftlich die Lasten, die wir jetzt schultern müssen, gerecht zu verteilen. Aber auch im persönlichen Miteinander - wenn auch momentan auf Distanz - spüren wir allenthalben die Kraft, die einem ein gemeinsames Ziel verleihen kann. Vielleicht können wir daraus auch auf längere Sicht etwas lernen.“

Professor Dr. med. Wolfram Henn ist Humangenetiker am Universitätsklinikum Homburg. Er ist Sprecher des Deutschen Ethikrats. Der Deutsche Ethikrat hat die Aufgabe, sich mit ethischen, gesellschaftlichen, naturwissenschaftlichen, medizinischen und rechtlichen Fragen sowie den voraussichtlichen Folgen für den Einzelnen und die Gesellschaft zu befassen und dazu Parlament und Regierung beraten. Die 26 Mitglieder des unabhängigen Sachverständigenrats werden hälftig von Bundesregierung und Bundestag vorgeschlagen und vom Bundestagspräsidenten berufen.