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Corona: Warten auf den Haarschnitt oder: Das Lockerungsproblem

Corona-Pandemie : Warten auf den Haarschnitt oder: Das Lockerungsproblem

Der Lockdown nervt viele. Doch für Erleichterungen ist es zu früh, heißt es aus Politik und Wissenschaft. Ideen dazu gibt es trotzdem – eine Bestandsaufnahme.

(dpa) Wer sehnt nicht das Ende des Lockdowns herbei? Treffen mit Freunden, ein Restaurant-Besuch, ein Frisör-Termin – die Wunschliste ist lang. Doch schon jetzt ist klar: So einfach wie im vergangenen Frühjahr wird das nicht. Allein schon wegen der ansteckenderen Virus-Varianten, die unterwegs sind. Und weil noch zu wenige Menschen geimpft sind. Wie kann unter den neuen Voraussetzungen „clever lockern“ funktionieren? Das beschäftigt die Politik – und die Wissenschaftler. Ein Überblick:

Wünsche: Bei einer Mehrheit der Bevölkerung gebe es den Wunsch nach einer längerfristigen, planbaren und klaren Pandemie-Strategie, sagt Cornelia Betsch, Expertin für Gesundheitskommunikation an der Universität Erfurt. Zur psychologischen Lage forscht sie in einer eigenen Studie. Dabei zeige sich, dass eine Mehrheit der Befragten eine schnellere Öffnung erwarte, wenn gemeinsam niedrige Fallzahlen erreicht würden. Eine Mehrheit gehe aber auch davon aus, dass Lockerungen noch einige Wochen dauern könnten. Es gebe indes Alarmsignale: Besonders belastet von den Einschränkungen fühlen sich laut Studie junge Menschen. Und mit Pandemie-Müdigkeit hänge weniger Schutzverhalten zusammen.

Geduld: 50 registrierte Infektionen auf 100 000 Menschen innerhalb einer Woche. Das galt in der Politik lange als Faustformel, um über Lockerungen nachzudenken. Wissenschaftler halten es für sinnvoller, zu warten. Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) wiederholte am Montag: „Wir müssen jetzt spürbar unter 50 kommen, um es nicht dauerhaft über 50 schnellen zu lassen.“ Am Montagmorgen lag die Inzidenz bundesweit bei 76. Am Mittwoch beraten Bund und Länder erneut über den Lockdown, der bislang bis zum 14. Februar gilt. Nicht nur Spahn steht dem Thema Lockerungen im Vorfeld skeptisch gegenüber. So warnte die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) vor zu großen Hoffnungen.  Es sei noch zu früh für generelle Lockerungen. Mehrere Ministerpräsidenten hatten sich am Wochenende mit Lockerungsszenarien zu Wort gemeldet. Es gehe nur „Zug um Zug“, hatte dagegen Spahn bei „Anne Will“ gesagt. Wegen die Dynamik bei Corona gehe es nicht anders. Ähnlich hatte es bei Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) im „Bericht aus Berlin“ geklungen. „Denn der Herausforderer, vor dem wir stehen, – Corona – hält sich null an Termine, die wir setzen.“ Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) hatte derweil gar einen Lockdown bis April angedeutet.

Auch Physikerin Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation wirbt, wie andere Forscher auch, um Geduld. „Es lohnt sich zu warten, um den bisherigen Erfolg nicht zu verspielen.“ Jetzt schon zu lockern, sei ein extrem hohes Risiko, sagt sie mit Blick auf die auftretenden Virus-Varianten. Denn: Wieder steigende Inzidenzen ließen sich auf höherem Niveau ohne weitere Lockdowns schwer wieder einfangen.

Motivation: Bei sinkenden Inzidenzzahlen hält Covid-Arzt Michael Hallek, Klinikdirektor an der Uni Köln, dickes Lob für angebracht. „Was wir zurzeit haben, ist täglich Katastrophen-Kommunikation. Das macht die Menschen müde“, sagt er. Hallek, der jeden Tag Corona-Patienten leiden sieht, gehört zur Initiative „No Covid“. Diese will die Inzidenzen am liebsten in einem gemeinsamen europäischen Kraftakt gen Null drücken. Mit einheitlichen Regeln, die jeder verstehen kann – immer festgemacht an den lokalen Ansteckungsraten. Belohnung ist auch hier ein Mittel. Wer es zum Beispiel schaffe, zur grünen Zone zu werden, dem winkten als Belohnung regional immer mehr Freiheiten für alle – bei gleichzeitigen Einreisebeschränkungen aus roten Zonen. Länder wie Australien und Finnland hätten dieses Prinzip erfolgreich durchgezogen, berichtet Hallek. Mit Überzeugung statt mit Zwang. Die deutsche Politik ist bei solchen Ideen bisher noch zurückhaltend.

Stufenpläne: Bundesländer wie Niedersachsen haben indes bereits Ideen vorgelegt, wie sich mit Hilfe der Inzidenzen systematisch regional Lockerungen rechtfertigen ließen. Zwischen 10 und 25 ist demnach vieles erlaubt, ab 200 gar nichts mehr. Dazwischen gibt es Erleichterungen je nach Stufe.

Schlau lockern: Eine Stufe allein ist aber noch nicht alles. Für Forscher gilt es, ab gesteckten Grenzwerten Maßnahmen möglichst vorsichtig zurückzufahren. „Am besten nicht alles gleichzeitig“, rät Priesemann. Es heiße zu überlegen: Was ist mir am Allerwichtigsten? Die Politik hat schon ein Ziel bei der Öffnung vor Augen: Schulen und Kitas zuerst.

Noch schlauer lockern: Bei Lockerungen lässt sich für Forscher am besten noch in einzelnen Bereichen differenzieren: Außengastronomie sei mit Blick auf Ansteckungen zum Beispiel weniger gefährlich als das Sitzen im Restaurant. Weitere Strategien laut Forschern: Mehr und leichter zugängliche Corona-Tests. Und mehr Technik wie Apps, die das Ansteckungsrisiko kalkulieren.