Bundespräsident setzt bei Evangelischem Kirchentag in Dortmund Akzente

118 000 Teilnehmer in Dortmund : Steinmeier drückt Kirchentag Stempel auf

Die Gläubigen haben sich in Dortmund schon mal warmgelaufen. Ganz im Sinne des Mottos „Was für ein Vertrauen“ warnte der Bundespräsident davor, die Macht den radikalen Kräften zu überlassen.

Marvin hat sich beim Deutschen Evangelischen Kirchentag auf ein „Blind Date“ eingelassen. In einem Zelt in der Dortmunder Innenstadt bekommt er eine Schlafmaske verpasst. Ohne Augenlicht lässt sich der Jugendliche von einer Frau über einen Hindernisparcours führen. „Ich lebe noch“, entfährt es ihm am Ende der Vertrauensprüfung.

Auf dem am Mittwoch gestarteten Christentreffen dreht sich vieles um diesen Begriff, den das Leitwort „Was für ein Vertrauen“ vorgibt – bei den typischen Mitmachangeboten wie den Podien. In jemand oder etwas Vertrauen setzen – das bedeutet, keine letzte Sicherheit zu haben, aber auch nicht zu resignieren. Kein geringerer als Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier setzt zum Auftakt diesen inhaltlichen Akzent.

Bei der Eröffnungsfeier skizziert er die massiven Gesellschaftsprobleme, mit denen sich der Kirchentag befasst: Klimakrise, Antisemitismus, Rechtsradikalismus, Fremdenhass und Politiker-Bashing im Netz. Dies trage dazu bei, dass Vertrauen bröckele. Im gleichen Atemzug ruft er aber dazu auf, die Zukunft zu gestalten. „Wir wollen die Welt nicht nur beschreiben und beklagen, sondern wir wollen sie zum Besseren verändern“, sagt der Bundespräsident.

Für Steinmeier ist der Kirchentag ein Heimspiel. Der reformierte Christ hatte mehrere Jahre in der Kirchentagsleitung mitgearbeitet. Bis zu seiner Wahl zum Staatsoberhaupt galt er als designierter Kirchentagspräsident für Dortmund. Und so nutzt er das Christentreffen als Plattform für eine Grundsatzrede in seiner anderen Präsidentenrolle. Er warnt vor den Schattenseiten der Digitalisierung und bunt blinkenden Dienstleistungen, „die uns hinterrücks ausleuchten“. Oder vor einer „fast unbegrenzten Überwachung durch staatliche Stellen“. Gegen eine solche digitale Fremdbestimmung gelte es, „Grundregeln für die digitale Zukunft“ zu etablieren, fordert er und erhält dafür viel Applaus.

Eher eine Nebenrolle spielt in Dortmund das Thema Ökumene. Ob es ein Zeichen mangelnden Vertrauens sei, dass bei den Hauptvorträgen und -podien keine Ökumene-Themen vertreten seien, fragt ein Journalist die Kirchentagsleitung. Generalsekretärin Julia Helmke verweist auf die ökumenische Vernetzung der Vorbereitungsgruppen und meint, Ökumene sei kein kontroverses und eigens zu behandelndes Thema. „Wir sind schon einen Schritt weiter“, fügt sie hinzu.

Immerhin findet am Donnerstagvormittag ein zentraler ökumenischer Gottesdienst statt – bei dem es aber keinen Bezug zum katholischen Fronleichnamsfest gibt. Die katholischen Bistümer Essen, Münster und Paderborn sind gemeinsam mit der westfälischen evangelischen Landeskirche mit einem eigenen Programm unter dem Motto „Ökumenisch Kirche sein“ im Katholischen Centrum vertreten. Beim Podium „Gemeinsam am Tisch des Herrn – wer ist eingeladen?“ zeigt sich, dass es doch noch Gesprächsbedarf gibt.

Zu den Stars des Kirchentags gehört wieder die frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann, die mit ihrer Bibelarbeit über Hiob die vollbesetzte Westfalenhalle rockt. Mehrmals lästert sie über US-Präsident Donald Trump, was nichts mit Hiob zu tun hat, aber bestens ankommt.

Für viel Applaus sorgt auch die Forderung des Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, alle im Mittelmeer geretteten Flüchtlinge aufzunehmen und sie in der EU zu verteilen. „Europa verliert seine Seele, wenn wir so weitermachen“, mahnt der bayerische Landesbischof auch im Hinblick auf die 43 Flüchtlinge, die seit einer Woche auf dem Rettungsschiff „Sea-Watch 3“ vor Lampedusa festsitzen und nicht an Land gehen dürfen.

Kirchentagspräsident Hans Leyendecker zieht eine positive Bilanz nach den ersten beiden Tagen: „Der Kirchentag ist gut angekommen.“ Mit 118 000 Teilnehmern – 80 000 Dauerbesuchern und 38 000 Tagesbesuchern – rechnen die Veranstalter bis zum Finale am Sonntag.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier genießt das Bad in der Menge. Den Evangelischen Kirchentag in Dortmund nutzte das Staatsoberhaupt für eine Grundsatzrede über massive Gesellschaftsprobleme. Foto: dpa/Guido Kirchner
EKD-Ratspräsident Heinrich Bedford-Strohm fordert die Aufnahme aller Bootsflüchtlinge. Foto: dpa/Guido Kirchner

Eine besondere Note gibt das „Zentrum Sport“ dem Kirchentag. Eine Premiere in der 70-jährigen Geschichte des Christentreffens, um dem Thema Ethik im Sport Gewicht zu verleihen. Das überwiegend trockene Wetter lädt zu Vertrauensübungen etwa an einer Kletterwand ein. An einem Stand gilt es, Würfel aufeinanderzuschichten. Das sportliche Geschick ist aber Nebensache. „Hilf mir, die weltweite Diskriminierung zu beenden“, ist auf einem Quader zu lesen. Ohne solche Botschaften wäre der Kirchentag kein Kirchentag.