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"Anschläge auch bei uns möglich"

"Anschläge auch bei uns möglich"

Der Bombenanschlag auf den Bosten-Marathon hat die Diskussion über die Sicherheit von Großveranstaltungen neu belebt. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) in Bonn hatte schon für die Fußball-WM 2006 in Deutschland am nationalen Sicherheitskonzept mitgewirkt, das bis heute auch im internationalen Maßstab als vorbildlich gilt. Unser Berliner Korrespondent Stefan Vetter sprach mit BBK-Vizepräsident Ralph Tiesler:

Herr Tiesler, was haben Sie gedacht, als sie von dem Anschlag in Boston erfuhren?
Ralph Tiesler: Ich fühlte mich in diesem Moment an die Terroranschläge vom 11. September 2001 erinnert. Der nächste Gedanke war, ob und wie man helfen könnte, denn womöglich sind unter den Opfern auch deutsche Staatsbürger. Aber Gott sei Dank waren deutsche Läufer nicht von dem Anschlag betroffen.

Könnte sich ein solcher Anschlag auch in Deutschland ereignen?
Ralph Tiesler: Ausschließen kann man das nie, denn es gibt keine absolute Sicherheit. Eine konkrete Gefährdungslage gibt es nach Einschätzung der Sicherheitskräfte aber auch jetzt nicht bei uns.

Sollten die Sicherheitskonzepte für vergleichbare Veranstaltungen jetzt auch bei uns überprüft werden?
Ralph Tiesler: Schon am kommenden Sonntag haben wir einen Marathonlauf in Hamburg. Mit Blick auf die Ereignisse in Boston wird das Sicherheitskonzept von den Zuständigen in Hamburg dafür natürlich überprüft. Da schaut man sich dann noch einmal ganz genau an, ob man womöglich etwas übersehen hat, was durch den Anschlag jetzt vielleicht offen zu Tage tritt. Abgesagt wird aber keine Veranstaltung.

Wie beurteilt man eigentlich das Risiko für einen Marathon oder ein Fußballspiel mit zehntausenden Besuchern?
Ralph Tiesler: Die Frage, welches Schadensszenario eintreten könnte, wird von der Polizei im Zusammenspiel mit dem Veranstalter geklärt. Beim Fußball haben wir es mit einem größeren Raum zu tun, beim Marathon mit einer öffentlichen Fläche. Hier sind natürlich Unterschiede zu beachten, etwa was die Zuwege oder den Abtransport von Verletzten und das Einrichten von Behandlungsplätzen angeht. Beim Marathon ist da eine sehr lange Strecke zu berücksichtigen.

Werden für Großereignisse prinzipiell auch mögliche Terror-Anschläge durchgespielt?
Ralph Tiesler: Im Rahmen von Übungen auf jeden Fall. Dass gilt für Bund, Länder und Kommunen gleichermaßen, denn alle drei sind für den Katastrophenschutz verantwortlich. Wir als Bundesamt leisten Unterstützung mit unseren Expertisen, auch um solche Übungen bundesweit zu vereinheitlichen.

In Boston haben vergleichsweise primitive Sprengmittel einen maximalen Schaden angerichtet. Ziehen Sie daraus bestimmte Schlüsse?
Ralph Tiesler: Was das Verletzten-Muster angeht, ja. In Boston gibt es sehr viele Verletzte, die Splitterverletzungen aufwiesen und Extremitäten verloren haben. Das ist bei vergleichbaren Ereignissen im Zivilleben eher selten. Da ist es gut, wenn es so wie in Boston, erfahrene Chirurgen mit Kriegserfahrung gibt.

Muss das eingesetzte Sicherheitspersonal auf neue Gefahren geschult werden?
Ralph Tiesler: Das haben wir schon länger im Blick. Denn auch die Einsatzkräfte müssen geschützt werden. Auch insofern ist heute viel mehr Sensibilität gegenüber verdächtigen Objekten geboten als vielleicht noch vor 15 Jahren. Wohl die wenigsten hätten damals in einer herrenlosen Tasche eine Bombe vermutet. Das hat sich gründlich geändert.