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In Reden erlebt man Kurzweil mit dem Bergbau

In Reden erlebt man Kurzweil mit dem Bergbau

Schiffweiler. Hell und dunkel. Hoch und tief. Warm und kalt. Es ist schon eine sehr eigentümliche, sehr spezielle Raum-Architektur und Beleuchtungs-Atmosphäre, in die man eintritt, wenn man den nüchternen Treppenaufgang des früheren Redener Zechenhauses hinter sich gelassen hat

Schiffweiler. Hell und dunkel. Hoch und tief. Warm und kalt. Es ist schon eine sehr eigentümliche, sehr spezielle Raum-Architektur und Beleuchtungs-Atmosphäre, in die man eintritt, wenn man den nüchternen Treppenaufgang des früheren Redener Zechenhauses hinter sich gelassen hat. Man sieht, als wäre man unter Tage, wo die Grubenlampe nur punktuelles Licht setzt, immer nur das Ausstellungsstück genauer, welches man in den Vitrinen fixiert. Die bauen sich, grau und schwarz schimmernd, zunächst wie ein labyrinthischer Zauberwald vor einem auf. Sie wurden schräg gestellt, ihre transparenten Wände, die mit echter Saar-Kohle eingefärbt wurden, verriegeln den Panorama-Blick in die 1300 Quadratmeter große, bereits seit Jahren von allen authentischen Relikten leer geräumte Waschkaue. Ein Eisensteg erschließt die beiden Emporen, von oben sieht man auf den verwinkelten Kosmos und die alten Wasserkorb-Sperren.Eine Stollen-Simulation? Mitnichten. In Reden geht's um ein "Raumkunstwerk", um eine beinahe schon aufdringlich "schöne", stimmungsvolle Präsentation. Die sollte sich absetzen von allem, was derzeit in der Region zum Bergbau gezeigt wird. Dieses Ziel haben die Ausstellungsmacher erreicht. Freilich gilt: Viel Dekor, Theatralik und Detailverliebtheit ist in Reden mit im Spiel. Wird das breite Publikum, werden ehemalige Bergarbeiter, überhaupt wahrnehmen, dass hier nicht etwa profane Scharniere die Vitrinen zusammenhalten, sondern Eisen und Schlägel? 250 Jahre Bergbau an der Saar, für Ästheten aufbereitet? Nein. Für alle, die sich nicht langweilen wollen. Denn "Das Erbe" ist das genaue Gegenteil des üblichen dreidimensionalen Geschichtsbuches. Es gibt hier kaum größere Begleit-Texte, die Zusammenhänge herstellen, für Gliederung sorgen oder Themen setzen. Viele Besucher werden das mögen, einige vermissen. Anders als üblich wird der Besucher ausschließlich an die 800 Exponate verwiesen, die jeweils einzeln ihre Geschichte erzählen sollen. Deshalb sind sie sehr ausführlich, wenn auch in einer winzigen Schrift, beschrieben.

Das ist ein kleinteiliges, didaktisch sehr mutiges Konzept. Zugleich garantiert es Abwechslung und Lebendigkeit. Der Besucher wird zum Kuriositäten-Jäger, der die Ausstellungsstücke, die er kennt, außen vor lässt, und stattdessen nach dem Ausschau hält, was ihn - unabhängig vom großen Ganzen - amüsiert oder anregt. So kann er beispielsweise eine neue historische Person kennen lernen: Stefan Busch. Dessen Arbeits-Kleidung ist ausgestellt, er hat sich komplett ausgezogen, bis zu Arschleder und Halstuch. Busch war der letzte Saar-Bergmann, der Partieführer des Strebs 8.7 Ost des Dilsburgfeldes Ost. Er übergab dem RAG-Vertreter am 30. Juni 2012 ein Stück der letzten geförderten Kohle.

Wen das nicht berührt, ist in Reden falsch. "Das Erbe" will nämlich ganz unverhohlen auch ein Souvenirladen sein. Schmunzeln ist dort inbegriffen, etwa angesichts der Menü-Karte und der Fotos zum "Kauenimbiss" von Bundeskanzler Helmut Schmidt am 7. 2.1975 in Reden: "Grumbersopp met Lionerwerschtscher on Lothringer Weißbrod". Eine Überraschung könnte sein, dass der Saar-Bergbau, hier der Viktoriaschacht, selbst für die kaiserliche Familie in China spannend war: Am 25. September 1901 stieg Prinz Chun in Püttlingen aus dem Zug. Auch fallen humoristische Karikaturen zukünftiger Grubenbeamter (Jahrgang 1952-1955) auf, und der Film "Die saarländische Bergmannsfamilie" (1950) beweist, dass im Saarland rauchende Schlote das Natur-Idyll mit weidender Bergmannskuh nicht etwa störten, sondern - im Gegenteil - aufwerten sollten. Generell lässt sich festhalten, dass die vielen bewegten (Film-)Bilder "Das Erbe" ganz fabelhaft befeuern.

Selbstverständlich stellt die Schau auch die Grundversorgung an Informationen sicher, zeigt das Übliche zwischen Duhamel-Atlas (1810) und Grubenlampen. Vom Drägerschen Gasspürgerät (1934) über den Wahlaufruf der Christlichen Gewerkschaft von 1961 ("An der Ruhr wird besser verdient!") bis hin zu den von Fremdarbeitern geschnitzten Mini-Holzflugzeugen mit Hakenkreuz (1944) wurde alles nur Denkliche zu den Themen Alltag über und unter Tage zusammen getragen. Allerdings erschließt sich aus diesem Puzzle nur für Eingeweihte, was denn nun die Spezifika des Saar-Bergbaus waren. Auch fehlen Hinweise auf die hier im Land gemachten technischen Top-Erfindungen. Mag sein, diese Faktenhuberei passt nicht ins anekdotische Konzept, doch an diesem Punkt bleibt die Ausstellung ganz unzweifelhaft hinter dem eigenen "Saar"-Anspruch zurück. Auch über das Zukunfts-Vermächtnis des Bergbaus wird nicht so viel gesagt wie angekündigt, über Fördertürme, Halden oder weiter lebende Traditionen und Mentalitäten der Bergleute.

Vielleicht will und kann das Redener Team, das die Schau in einer Rekordzeit stemmen musste, "Das Erbe" noch perfektionieren und vertiefen. Ein Jahr Laufzeit hat es dafür.

Auf einen Blick

Die Bergbau-Ausstellung"Das Erbe" ist ab 1. Dezember täglich - außer montags - von zehn bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet sechs Euro, Kinder (bis 18 Jahre) zahlen drei Euro.

Adresse: Am Bergwerk Reden, 66578 Schiffweiler (Landsweiler-Reden); Infos gibt es unter der Telefonnummer (0 68 25) 9 42 77 19.

 Blick von oben auf die Vitrinen-Welt, die Jürg Steiner für die Redener Waschkaue entworfen hat.
Blick von oben auf die Vitrinen-Welt, die Jürg Steiner für die Redener Waschkaue entworfen hat.
 Bis auf die letzte Minute wird im Zechenhaus gearbeitet.
Bis auf die letzte Minute wird im Zechenhaus gearbeitet.

Organisation: Die Ausstellung wird mit 1,25 Millionen Euro von der Landesregierung finanziert, die RAG Stiftung gibt 300 000 Euro. Erwartet werden mindestens 50 000 Besucher. Kurator ist der als Ausstellungs-Inszenator bekannte Professor Jürg Steiner (Berlin), das Projekt-Management obliegt der Industriekultur Saar GmbH (IKS). Bei der zwölfmonatigen Vorbereitung wirkte ein Beirat unter Vorsitz des früheren Ministerpräsidenten Reinhard Klimmt (SPD) mit. ce