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Heim ins Reich - und ins Verderben

Heim ins Reich - und ins Verderben

Weit stärker als bei vielen anderen Berufen hatte der Beruf des Bergmanns eine politische Komponente: Die Malocher untertage galten stets als Pioniere, waren über Jahrhunderte hinweg Taktgeber und Vorreiter für die Interessen der Arbeiterschaft

Weit stärker als bei vielen anderen Berufen hatte der Beruf des Bergmanns eine politische Komponente: Die Malocher untertage galten stets als Pioniere, waren über Jahrhunderte hinweg Taktgeber und Vorreiter für die Interessen der Arbeiterschaft. Auch der arrogante preußische Bergfiskus, die Bismarck'sche Sozialistenhatz und die französisch dominierte Völkerbundsregierung hatten dazu beigetragen, dass die Bergleute an der Saar immer politischer wurden. Mit allen Konsequenzen: Als Hitler kam, wurden auch viele Förderer des schwarzen Goldes braune Gesellen.Erst hatte es gar nicht so ausgesehen, auch im Bergbau wurden die Nazis anfangs nicht ganz ernst genommen. In der linken "Arbeiterzeitung" freute man sich, wenn es hieß, SA-Leute hätten mal wieder "ausgiebig Bekanntschaft mit Proletenfäusten" gemacht. Doch sobald Hitler an der Macht war, änderte sich die Stimmung schlagartig: Auch im Saargebiet wurde die NSDAP immer stärker, und als die Arbeitslosigkeit im Jahr 1934 dramatisch anstieg, hatten die Nazis leichtes Spiel: Die Menschen liefen in Massen zu jenen über, die Lohn und Brot versprachen. Die Propaganda des Reichsministers Joseph Goebbels am 6. Mai 1934 zeigte Wirkung: "Wir haben im Reich vier Millionen wieder in Arbeit gebracht; und dann sollten wir es nicht fertig bringen, 40 000 Arbeitslosen von der Saar wieder Arbeit zu geben?"

Die dreckigste Zeit der Bergarbeiter-Geschichte nahm ihren Lauf. Obwohl den Menschen an der Saar im Hinterkopf schwante, dass mit den Nazis Unheil drohen könnte, war das "Gefühl für Deutschland", gespeist auch vom Hass auf die Franzosen, die an der Saar so ungeschickt agierten, weitaus stärker. Und so sickerten die braunen und nationalistischen Gedanken auch bei den Gewerkschaften ein, deren Resolutionen alsbald zu Bekenntnissen für Hitler gerieten. Beim GCB (Gewerkverein christlicher Bergarbeiter) wurde der Nazi-kritische Vorsitzende abgelöst, sein strammer Nachfolger bekundete in blindem Eifer sogleich die "unentwegte Treue (des Verbandes) zum dritten Reich und seinem großen Führer".

Der Historiker Klaus-Michael Mallmann beschreibt in seinem Bergarbeiterbuch "Lohn der Mühen" auf beeindruckende Weise, wie sich das linke Lager langsam auflöste und bisherige SPD- und KPD-Wähler in Scharen zur Deutschen Front überliefen. Auch deshalb war die Saar-Abstimmung am 13. Januar 1935 über die Zukunft des Saargebiets nur noch eine Formsache: Die Saarländer wollten unbedingt "heim ins Reich", andere Faktoren waren zweitrangig. Zu spät wurde den Menschen an der Saar bewusst, dass sie sich mit diesem Schritt dem größten Verbrecher der Menschheitsgeschichte ausgeliefert hatten.

Der Terror ließ nicht lange auf sich warten. Mallmann zitiert in seinem Buch historische Quellen, wonach schon bald "ganze Polizei-Abteilungen mit erhobenem Arm durch Saarbrücken marschierten" und auch auf dem platten Land neue "Ordnungsdienste" bei bekannten Antifaschisten - darunter viele Bergleute - ihre berüchtigten "Hausbesuche" machten. Tausende Saar-Bergarbeiter sahen deshalb kein "Sieg Heil" mehr, sondern ihr Heil in der Flucht - und emigrierten nach Frankreich. Auch untertage gaben die Nazis nun den Ton an und waren "oft so benebelt", wie ein Zeitzeuge berichtete, "dass sie an ihre Schaufeln Hakenkreuzfähnchen banden und Kohlenwagen mit Parolen beschmierten".

Doch schon nach kurzer Zeit trat Katzenjammer ein: Nach dem Rückzug der Franzosen aus der Gruben-Verantwortung brach der französische Markt ein, der deutsche Markt war gesättigt - und die saarländische Steinkohle wanderte auf Halde. Auch sonst hinkte die Saar-Konjunktur der wirtschaftlichen Entwicklung im "Reich" hinterher, die aufgepumpten Illusionen der Menschen zerplatzten wie Seifenblasen. Die "deutsche Mutter", die ihre saarländischen Kinder "heim ins Reich" geholt hatte (illustriert auf dem berühmten Plakat von Mjölnar), entpuppte sich als riesige Enttäuschung, wie auch ein Spruch auf einem Kohlenwagen ausdrückte: "Beamte und Profitler/grüßen mit Heil Hitler/Arbeiter mit Sorgen/nur mit Guten Morgen".

Die Spannungen im Saarland stiegen, weil die Löhne unter dem reichsdeutschen Niveau blieben, die Lebenshaltungskosten aber darüber. Im Sommer 1935 gab es sogar zaghafte Streiks und passiven Widerstand. Selbst der Kulturkampf flackerte wieder auf, weil die Nazis die Kreuze aus den Klassenzimmern entfernen wollten und einige Konfessionsschulen abschafften. Echten Zoff gab es, als die 6000 Saar-Bergleute, die als Grenzgänger auf lothringischen Gruben malochten, zwei Drittel ihres (in Francs ausgezahlten) Lohns in Deutschland umtauschen sollten - zu deutlich schlechteren Konditionen. Das produzierte Ärger, Kontrollen, Einschüchterungen, Handgreiflichkeiten und jede Menge Frust auf beiden Seiten: Saar-Gauleiter Bürckel, der die Devisenbestimmung wieder kippen wollte, wurde von Berlin zurückgepfiffen.

Es sollte noch schlimmer kommen: Die Nazis starteten ihre "Säuberungsaktionen" auf den Saar-Gruben, um NS-Gegner loszuwerden und arbeitslose Gesinnungsgenossen unterzubringen. Mitte 1937 wurden rund 1300 Bergleute "ausgetauscht", doch Ruhe kehrte nicht ein: Der Streit um behördlich verfügte (und unbezahlte) Sonntagsschichten weitete sich aus, es kam zu Boykott-Aktionen, die katholischen Bergleute pochten auf ihr Recht auf den sonntäglichen Kirchgang.

Doch die Lage geriet nicht außer Kontrolle. Zwar blieb die Unruhe auf den Gruben, versuchten die Zechenleitungen, mit "Kopfprämien" für Denunzianten "Rädelsführer" ausfindig zu machen; doch sukzessive wurde den Bergleuten und anderen Arbeitern bewusst, dass gegen die neuen Herren kein Kraut gewachsen ist. Langsam arrangierte man sich, manche Bergarbeiter blendeten die Realität einfach aus oder resignierten schlicht. Zugleich gingen die Nazis äußerst geschickt vor, "kümmerten sich", versprachen den als unterklassig geltenden Arbeitern "echte Volksgemeinschaften" und damit einen sozialen Aufstieg. Man lud sie zu Betriebs- und Jubilarfeiern ein, auf denen es silberne Uhren "für treue Dienste" gab. So wurde die Laune trotz angespannter Lage auf einem Pegel gehalten, der keinen Verfall der Arbeitsmoral zuließ. Im Gegenteil: Die Schichtleistung der damals rund 45 000 Saar-Bergleute wuchs. Und als der Geruch des Krieges 1939 immer stärker wurde, wuchs die Zustimmung vor allem junger Saarländer für einen Waffengang, den man sich in jugendlicher Naivität so leicht vorstellte.

Die Katastrophe nahm ihren Lauf. "Beamte und Profitler/ grüßen mit Heil Hitler/

Arbeiter mit Sorgen/nur mit Guten Morgen."

Spruch auf einem Kohlenwagen

hintergrund

Im "Rom-Abkommen" vom 3. Dezember 1934 hatten sich die französische und die deutsche Regierung über den Rückkauf der Saargruben geeinigt. Für 900 Millionen Franken (150 Millionen Goldmark) gingen die Bergwerke an das Deutsche Reich über. Nach der Volksabstimmung vom 13. Januar 1935 wurden die Saargruben in deutschen Reichsbergwerksbesitz überführt. Das Oberbergamt Bonn wurde als preußische Mittelbehörde zuständig. Durch Gesetz vom 13. Dezember 1935 wurden die Gruben in eine Reichsaktiengesellschaft, die Saargruben AG, eingebracht, deren gesamter Aktienbestand in Händen des Deutschen Reiches lag. Stillgelegt wurden die Anlagen Mittelbexbach (1936), Wellesweiler (1936) und Brefeld (1942). Die Belegschaft verringerte sich ab 1936 bis Kriegsende von 54 000 auf 30 000 Bergleute und Angestellte. bb