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Hauptschul-Absolventen sollen Altenpfleger werden

Hauptschul-Absolventen sollen Altenpfleger werden

Berlin. Die Bundesregierung drängt angesichts eines wachsenden Pflegenotstands darauf, auch Hauptschulabsolventen im Alten- und Krankenpflegebereich einzusetzen. Das geht aus einem gemeinsamen Brief von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt und Arbeitsminister Olaf Scholz (beide SPD, Fotos: ddp/dpa) an die zuständigen Fachminister der Länder hervor, der unserer Zeitung vorliegt

Berlin. Die Bundesregierung drängt angesichts eines wachsenden Pflegenotstands darauf, auch Hauptschulabsolventen im Alten- und Krankenpflegebereich einzusetzen. Das geht aus einem gemeinsamen Brief von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt und Arbeitsminister Olaf Scholz (beide SPD, Fotos: ddp/dpa) an die zuständigen Fachminister der Länder hervor, der unserer Zeitung vorliegt.

"Mit Blick auf die demografische Entwicklung ist ein Mangel an Bewerberinnen und Bewerbern für Ausbildungen in den Pflegeberufen absehbar", heißt es in dem Schreiben. Vor diesem Hintergrund würden sich für Jugendliche, die sich nach der zehnten Klasse für einen Pflegeberuf interessierten, zusätzliche Ausbildungschancen mit guten Beschäftigungsperspektiven ergeben. "Wir wären Ihnen daher dankbar, wenn Sie in den entsprechenden Schulen über diese Möglichkeiten informieren würden", appellieren Schmidt und Scholz.

Der Bundesrat hatte Anfang Juli eine Gesetzesänderung beschlossen, wonach statt der Mittleren Reife schon ein zehnjähriger Hauptschulabschluss genügt, um eine Kranken- oder Altenpflegeausbildung absolvieren zu können. Der Vorstoß war in der Fachwelt zum Teil auf heftige Kritik gestoßen. So sprach etwa der Deutsche Pflegerat von einer "schallenden Ohrfeige" für die rund 1,2 Millionen Pflegefachkräfte, denen nun attestiert werde, dass sich die Anforderungen an ihre Ausbildung reduzierten. Auch die Bundesärztekammer pochte auf die Notwendigkeit eines qualifizierten Personals, weshalb arbeitsmarktpolitische Überlegungen beim Zugang zu Pflegeberufen keine Rolle spielen dürften. Dagegen stellte die SPD klar, dass sich nur die Zugangsberechtigung ändere, aber nicht die Berufsausbildung. Nach Ansicht von Scholz und Schmidt kann die Zugangserweiterung "ein besonderer Anreiz für Hauptschüler sein, eine 10. Klasse der Hauptschule zu absolvieren". Zugleich wurde angeregt, dass Studiengänge auch für Pflegefachkräfte ohne Hochschulreife zur Verfügung stehen sollten und der Erwerb der Fachhochschulreife während der Ausbildung durch ergänzende Bildungsangebote ermöglicht wird.

Meinung

Fatale Billiglösung

Von SZ-Redakteurin

Sabine Schorr

Man darf schon erstaunt sein über den Einfall der Minister Schmidt und Scholz. Sie wollen etwas gegen den Pflegenotstand tun. Aber nicht, indem sie auf bessere Arbeitsbedingungen drängen für die oft überlasteten Kranken- und Altenpfleger. Und auf bessere Bezahlung. Nein, die SPD-Minister schlagen ein billigeres Heilmittel vor: Sie wollen mehr Hauptschüler für die schlecht bezahlte, wenig anerkannte Arbeit in Pflegeheimen gewinnen. Doch dieser Vorstoß setzt ein fatales Signal, das heißt: Neigung und Befähigung für einen immer anspruchsvoller werdenden Beruf spielen keine Rolle. Ein Konzept, das eine Abwertung des Pflegeberufes in Kauf nimmt, anstatt ihn attraktiver zu machen. Dabei kann eine wirksame Lösung des Personalproblems nur über eine höhere gesellschaftliche Wertschätzung der Pflegearbeit erreicht werden.