Gröhe verspricht rasche Pflegereform

Gröhe verspricht rasche Pflegereform

Hunderttausende brauchen künftig zusätzlich Pflege, immer mehr leiden unter Demenz. Die Bundesregierung verspricht rasches Handeln und den Mangel bei Pflegekräften zu beseitigen. Die Branche dringt auf umfassende Schritte

Hermann Gröhe stand bislang im Schatten seiner Kabinettskollegen. Gerade jenen aus der SPD. Als Neuling im Gesundheitsfach stieß der Ex-CDU-Generalsekretär aber zumindest einige Debatten an. Zum Beispiel über die Sterbehilfe. Auf dem Pflegetag in Berlin bekam Gröhe gestern nun hautnah einen Eindruck von den großen Herausforderungen, mit denen er in den kommenden vier Jahren konfrontiert ist. Davon kündet schon das Motto der insgesamt dreitägigen Veranstaltung: "Mit dem Rücken an der Wand - Nichts geht mehr".

Bereits heute sind in Deutschland 2,5 Millionen Menschen pflegebedürftig. Bis 2030 dürfte ihre Zahl auf 3,4 Millionen steigen. Gleichzeitig fehlen aber jetzt schon mindestens 30 000 Pflegekräfte. Für das Jahr 2025 wird ein Mangel von 150 000 Fachkräften prognostiziert. Und wer in Heimen oder ambulanten Pflegediensten arbeitet, steht oft an den Grenzen der Belastbarkeit und wird dafür noch mäßig bezahlt.

Ein weiteres Problem: Seit Jahren wird über die Neubestimmung der Pflegebedürftigkeit diskutiert. Für die Pflegeversicherung stehen bislang körperliche Gebrechen im Fokus. Künftig soll der Grad der Selbstständigkeit ausschlaggebend sein. Dadurch könnten auch Demenzkranke stärker von den Leistungen profitieren. Entsprechende Experten-Konzepte gibt es längst. Aber es hapert an der Umsetzung. "Der Druck des Handelns ist gigantisch groß", erklärte der Präsident des Deutschen Pflegerats, Andreas Westerfellhaus, gestern.

Der Gesundheitsminister hatte zumindest einige Zusagen im Gepäck. Den gut 1000 Zuhörern, meist Pflegekräfte, Patientenvertreter und Mediziner, versprach er eine solide Umsetzung der Koalitionsvereinbarung. Die Pflege soll zum "klaren Schwerpunkt" der Regierungsarbeit werden. "Sie brauchen mehr Zeit für die Pflegebedürftigen und weniger für Bürokratie", sagte er dem Publikum. Auch eine Reform der Pflegeausbildung kündigte Gröhe an.

Darüber hinaus soll es bereits zum 1. Januar 2015 Leistungsverbesserungen für die individuelle Pflege geben. Das kostet natürlich mehr Geld. Laut Koalitionsvereinbarung soll deshalb der Pflegebeitrag ab 2015 schrittweise um insgesamt 0,5 Prozentpunkte steigen. Ein Arbeitnehmer mit einem monatlichen Bruttoverdienst von 3000 Euro müsste dann 7,50 Euro mehr zahlen. Dasselbe legt der Arbeitgeber drauf. Bei der Neudefinierung der Pflegebedürftigkeit drückte Gröhe aber auf die Bremse. Derlei könne erst nach "umfassender Erprobung" starten. Wann genau, blieb offen.

Mit seiner Rede traf der Minister vielfach den Nerv der Zuhörer. Nur bei manchen Details ging ein Raunen durch den Saal. Zum Beispiel, als Gröhe beklagte, dass viele Pfleger jedes zweite Wochenende arbeiten müssten. "Es wäre ja schön, wenn es nur jedes zweite wäre", stöhnte Christina Heinze. Sie ist Leiterin einer Krankenpflegerschule in Magdeburg. Auch in Sachen Ausbildung sei der Minister wohl "nicht ausreichend informiert" gewesen, so ihre Kritik. Aber nach gut einem Monat im Amt muss man wohl auch noch nicht alles wissen.