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Geheime Fracht im türkischen LuftraumKühle Reaktion aus dem Kreml

Geheime Fracht im türkischen LuftraumKühle Reaktion aus dem Kreml

Moskau. Der Konflikt zwischen Syrien und der Türkei verschärft sich. Nun ist auch noch Streit mit Russland ausgebrochen. Präsident Wladimir Putin hat seine Reise nach Ankara, die ab diesem Sonntag geplant war, abgesagt. Angeblich wegen eines "zu vollen Terminkalenders"

Moskau. Der Konflikt zwischen Syrien und der Türkei verschärft sich. Nun ist auch noch Streit mit Russland ausgebrochen. Präsident Wladimir Putin hat seine Reise nach Ankara, die ab diesem Sonntag geplant war, abgesagt. Angeblich wegen eines "zu vollen Terminkalenders". Der Grund aber ist ein von den Türken heruntergeholtes Passagierflugzeug auf dem Weg von Moskau nach Damaskus, voller Waffen, so der Vorwurf aus Ankara.Moskau ist verärgert. "Es waren weder Waffen noch sonstige Systeme oder Aggregate für Kampftechnik an Bord der Passagiermaschine", hieß es aus dem Außenministerium gestern. Wenn man Waffen exportieren wollte, dann würde das nach der üblichen Praxis geschehen, nicht auf illegalem Wege und noch dazu unter Nutzung eines Passagierflugzeugs, sagte ein Vertreter der russischen Rüstungsexportindustrie laut der Agentur Interfax. Russland wolle sich nun im wachsenden Konflikt zwischen der Türkei und Syrien nicht auf eine Seite stellen. So zitiert die russische Zeitung "Wedomosti" einen Kremlbeamten. Deshalb sei Putin nicht auf dem Weg nach Ankara.

300 Kilogramm Waffenmaterial sollen an Bord der Maschine nach Damaskus gewesen sein. Türkische Medien schreiben von russischen Waffen für syrische Aufständische. Der Kreml zeigt sich irritiert. Während die Maschine nach einer neunstündigen Durchsuchung wieder in die Luft ging, ist das Verhältnis zwischen Moskau und Ankara angespannt.

Die einstigen Rivalen - vor allem um Territorien am Schwarzen Meer hatten sich Russen und Türken stets gestritten und sich in mehreren Kriegen bekämpft - treiben seit einigen Jahren ihre Zusammenarbeit voran, vornehmlich im Energiesektor. Gaspipeline-Projekte zeugen davon. Russland ist mittlerweile der größte Erdgaslieferant der Türkei. In einem Konsortium will es zudem am Bau und Betrieb eines türkischen Atomkraftwerks mitwirken. Die russische Annäherung an der Türkei sorgte auch geopolitisch für neue Anknüpfungspunkte und brachte das scheinbar fest gefügte Panorama im Südkaukasus durcheinander. Vor allem in Armenien rief das eigentlich verbesserte Verhältnis der beiden Länder Verunsicherung und Misstrauen hervor. Nun aber geht Moskau auf Distanz zu Ankara und will all die geplanten Projekte erst wieder im November ansprechen. inh

Istanbul. Die Meldung schreckte Ankara auf. Geheimdienste informierten die Türkei darüber, dass ein ziviler syrischer Airbus auf dem Weg von Moskau nach Damaskus militärische Güter an Bord habe. Nach kurzen Beratungen ließ die Regierung zwei Kampfjets vom Typ F-16 aufsteigen. Die Maschinen nahmen die syrische Passagiermaschine am Mittwochabend über dem Norden der Türkei in ihre Mitte und forderten den Piloten auf, in Ankara zu landen. Damit begann die jüngste Eskalationsrunde in den Spannungen zwischen der Türkei und Syrien.

In der türkischen Hauptstadt mussten die 35 Passagiere des Airbus - etwa die Hälfte waren russische Staatsbürger - aussteigen, die Ladung aus dem Frachtraum wurde in einen Hangar gebracht. Dort gerieten bald türkische und russische Diplomaten aneinander. Türkische Ermittler wollten einige versiegelte Container öffnen, die sie aus dem Bauch des Flugzeugs ausgeladen hatten und die als diplomatisches Gepäck gekennzeichnet waren. Diese Art von Fracht darf eigentlich nicht angerührt werden. Doch die Türken ließen sich nicht abbringen und erbrachen die Siegel.

Nach dieser Konfrontation fanden türkische Beamte laut Presseberichten die Bestätigung für die Geheimdienstinformationen vom Nachmittag. In den Diplomaten-Behältern lagen demnach eigens verpackte Einzelpakete, die an das syrische Verteidigungsministerium in Damaskus adressiert waren. Die Pakete enthielten Steuer-Elektronik für Raketen, militärische Störsender und Kommunikationsgeräte - insgesamt 300 Kilogramm schwer, wie türkische Medien meldeten. Wenig später durfte der Airbus mit seinen Passagieren nach Damaskus starten, doch die verdächtige Fracht blieb in Ankara.

Offiziell ging die türkische Regierung am Tag nach den dramatischen Ereignissen nicht auf die Einzelheiten der Fracht ein. Außenminister Ahmet Davutoglu und Verkehrsminister Binali Yildirim sprachen von Gütern, "die mit den Regeln der zivilen Luftfahrt unvereinbar" seien. Der Lufttransport militärischer Güter müsse einem Land, dessen Luftraum benutzt werde, zehn Tage vorher angezeigt werden, sagte Yildirim. Das sei nicht geschehen. Sollte so etwas wieder vorkommen, werde die Türkei wieder so handeln.

Die Quelle für die Informationen über die mutmaßlichen Militärgüter in der syrischen Maschine wollten türkische Regierungsvertreter nicht nennen. Atilla Sandikli, Chef der Denkfabrik Bilgesam, sagte dem türkischen Nachrichtensender NTV, wahrscheinlich sei die Türkei von westlichen Partnern alarmiert worden, möglicherweise von den USA oder von der Nato.

Russland und Syrien protestierten gegen das türkische Vorgehen, in Damaskus war von einem Akt der Luftpiraterie die Rede. Die türkische Regierung war sich über die Gefahr ihrer Taktik wohl im Klaren. Sie wies die Luftfahrtgesellschaften des Landes an, ab sofort syrischen Luftraum zu meiden - Ankara befürchtet, dass die Maschinen abgeschossen werden könnten.

Die Spannungen zwischen der Türkei und Syrien steigen mit jedem Tag. Nur wenige Stunden vor dem Start der türkischen Kampfflugzeuge hatte der türkische Generalstabschef Necdet Özel den Syrern mit "noch heftigeren" Vergeltungsschlägen gedroht, falls der Beschuss türkischen Territoriums durch die syrische Artillerie anhalten sollte. Auch auf der politischen Ebene bleibt Ankara bei der harten Linie. "Assad ist erledigt", sagte Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan diese Woche. "Er hält sich nur noch mit Krücken aufrecht. Wenn die Krücken fallen, dann fällt auch er." Erdogans Regierung tut derzeit alles, um dafür zu sorgen, dass diese Krücken bald weggeschlagen werden: Ankara will Syrien weiter in die Enge treiben und den Druck auf Staatschef Baschar al-Assad erhöhen. Das Vorgehen gegen das Flugzeug ist Teil dieser Strategie, mit der Syrien isoliert werden soll.

"Er hält sich

nur noch mit Krücken aufrecht. Wenn die Krücken fallen, dann fällt auch er."

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan

über Baschar al-Assad

Meinung

Gefahr eines Krieges ist real

Von SZ-MitarbeiterinSusanne Güsten

Die Türkei hat sich schon mehrfach über die Patt-Situation im UN-Sicherheitsrat zu Syrien beschwert. Es ist kein Geheimnis, dass Ankara eine andere Haltung Moskaus sehen möchte. Auch im Westen ist das so. Dazu passen Mutmaßungen, dass die Türken die Hinweise auf Militärgüter in einem syrischen Passagierflugzeug von westlichen Geheimdiensten erhielten. Gäbe es eindeutige Beweise dafür, dass russische Waffen trotz aller Dementis in zivilen Flugzeugen illegal nach Syrien geschafft werden, würde das Moskau in Bedrängnis bringen.

 Eine syrische Passagiermaschine steht auf dem Flughafen von Ankara, nachdem Kampfjets sie zum Landen gezwungen haben. Foto: Oksuz/dpa
Eine syrische Passagiermaschine steht auf dem Flughafen von Ankara, nachdem Kampfjets sie zum Landen gezwungen haben. Foto: Oksuz/dpa

Doch das Vorgehen der Türkei ist höchst gefährlich. Die Gefahr eines neuen Krieges im Nahen Osten ist real. Eine militärische Auseinandersetzung zwischen der Türkei und Syrien könnte binnen kurzer Zeit auch den Iran und den Libanon in den Strudel hineinziehen, mit Auswirkungen auf Israel und darüber hinaus. Jede unüberlegte Entscheidung in Ankara und Damaskus könnte schwerwiegende und kaum zu kontrollierende Konsequenzen nach sich ziehen.