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„Frauen sind in dieser Welt nie sicher“

„Frauen sind in dieser Welt nie sicher“

Nach den Übergriffen in Köln erwartet Emma-Herausgeberin Alice Schwarzer von Politik und Polizei so schnell wie möglich Details zu den Vorgängen in der Silvesternacht. Mit ihr sprach SZ-Redaktionsmitglied Sarah Umla.

Kölns Oberbürgerbürgermeisterin Henriette Reker empfiehlt Frauen "eine Armlänge" Abstand zu Fremden zu halten - was halten Sie von diesem Tipp?

Schwarzer: Das war vermutlich gut gemeint, ist aber natürlich arg naiv. Eine Armlänge schützt nun wirklich nicht vor so enthemmten Männern . Auch sollte gerade eine Politikerin sich eher überlegen, welche Regeln die Männer einzuhalten haben.

Gibt es denn Verhaltensgrundsätze, die Frauen einhalten können, um sich zu schützen? Was empfehlen Sie Frauen, die zum Beispiel oft alleine unterwegs sind?

Schwarzer: Da gelten immer dieselben Regeln, egal ob Gefahr von einem Deutschen oder einem Ausländer droht: Möglichst abends nicht allein durch menschenleere Straßen und nie an Parks oder undurchsichtigen Grundstücken vorbei, in die man hineingestoßen werden könnte. Und bei Gefahr sofort andere Menschen um Hilfe bitten.

Können sich Frauen überhaupt noch sicher fühlen?

Schwarzer: Frauen sind in dieser Welt, in der es überall Männergewalt gibt - mal mehr, mal wenige - nie sicher. Und es ist schon gut, wenn sie das begreifen, ohne sich davon einschüchtern oder unnötig einschränken zu lassen. Denn schließlich steht uns Frauen im Westen erstmals die Welt offen, zumindest theoretisch. Und das sollten wir nutzen!

Wie kann es überhaupt zu solchen Übergriffen kommen? Denken Sie, dass sich die Situation für Frauen in den kommenden Monaten verschlimmern könnte?

Schwarzer: Das ist in der Tat die Frage. Eine Gruppe von 1000 Männern, aus der heraus Trupps von 20 bis 40 Männern Frauen umringen und sexuelle Gewalt ausüben - das sind keine Zufälle oder Einzelfälle. Das ist in der Tat organisierte Kriminalität, wie der Justizminister gesagt hat. Wer sind diese Männer ? Wie haben sie sich organisiert, wie kommuniziert? Hat das Ganze gar einen islamistischen Hintergrund? Auf diese Fragen erwarte nicht nur ich eine schnellstmögliche Antwort von Polizei und Politik.

Wie können Politik und Gesellschaft dieser Entwicklung gegensteuern?

Schwarzer: Die Familien dieser Männer , die oft schon hier geboren sind, kommen aus Ländern, in denen Frauen rechtlos sind und Gewalt gegen Frauen und Kinder selbstverständlich ist. Hinzu kommt die Brutalisierung durch Kriege und Bürgerkriege und die Verführung durch die Rattenfänger der Gotteskrieger. Dagegen müssen wir endlich offensiv angehen. Konsequent sein mit wirklich Schuldigen - aber den andern, den Mitläufern, Angebote zu einer echten Integration machen. Denn sie leben bei uns und haben die Chance verdient, anständige Menschen zu werden. Was natürlich auch bedeutet: Eine Pflicht zur Anerkennung unserer Werte, inklusive der Gleichberechtigung der Geschlechter.

Zum Thema:

HintergrundDie Saarbrücker Frauenbeaufragte Petra Messinger fordert eine Verschärfung des Sexualstrafrechts: "Es darf null Toleranz gegenüber Männern geben, die sexuelle Gewalt anwenden." Man brauche keine Verhaltensregeln für Frauen, Männer müssten lernen, Frauen "auf Augenhöhe zu begegnen". sum