Farbenfrohes Leben in einer dunklen Welt

Wemmetsweiler. Schwarze Socken, blaue Socken, weiße Socken - fein säuberlich nach Farben sortiert. Bücher und CDs - ordentlich beschriftet im Regal. Alles an seinem Platz, stets griffbereit. Eine solche Ordnung könnte das Leben für Silvia Weißkircher deutlich stressfreier machen. Zu wissen, wo was liegt, erleichtert vieles im Alltag einer Blinden. Trotzdem mag sie es lieber chaotisch

Wemmetsweiler. Schwarze Socken, blaue Socken, weiße Socken - fein säuberlich nach Farben sortiert. Bücher und CDs - ordentlich beschriftet im Regal. Alles an seinem Platz, stets griffbereit. Eine solche Ordnung könnte das Leben für Silvia Weißkircher deutlich stressfreier machen. Zu wissen, wo was liegt, erleichtert vieles im Alltag einer Blinden. Trotzdem mag sie es lieber chaotisch. "Natürlich könnte ich alles sortieren und beschriften. Aber dann hätte ich für nichts anderes mehr Zeit", sagt sie. "Wenn eine Freundin mich anruft und fragt, ob ich mit ihr Eis essen gehe, dann lasse ich die Socken liegen." Lieber geht sie mit zwei verschiedenen Socken aus dem Haus als gar nicht.Die Blindheit ist für Silvia Weißkircher ein Teil ihres Lebens, "aber eben auch nur einer von vielen". Einer, der sie begleitet - aber nicht bestimmen soll, wohin sie geht, oder wer sie ist. Deshalb will sie nicht, dass jeder sofort davon weiß. "Ich möchte die Leute erst kennenlernen - und wenn es nur zehn Minuten sind. Denn dann ist es schon nicht mehr wichtig. Dann bin ich Silvi, die blind ist, aber nicht die blinde Silvi." Sie will nicht anders behandelt werden, weil sie nicht sieht - und sie will nicht bemitleidet werden. "Ich bin nicht die arme Blinde." Sie ist eine Frau, die das Leben in die Hand nimmt: Sie hat sich selbstständig gemacht, singt in einem Ensemble, das jiddische Musik macht, "managt" ihre Familie mit vier Generationen und einen Pferdehof in Wemmetsweiler.

Schon als Kind ist Silvia Weißkircher stark kurzsichtig. Ein grüner Star bleibt lange unentdeckt. 20 bis 30 Prozent Sehstärke hat sie zunächst noch, doch Jahr für Jahr wird es weniger. Dass sie nicht gut sehen kann, soll aber niemand merken. Auf keinen Fall will sie auf ein Internat für Blinde und Sehbehinderte. "Das habe ich mir vorgestellt wie ein Straflager." Als sie 13 ist, kommt bei einem Sehtest in der Schule aber doch alles heraus. "Ab diesem Zeitpunkt war ich Teil einer gesellschaftlichen Randgruppe. Ich war jemand, mit dem etwas nicht stimmte", sagt die 53-Jährige. "Ich selbst hatte mich nicht geändert, aber die Wahrnehmung der Menschen von mir." Für Silvia Weißkircher ist das schwer hinzunehmen - auch heute noch. Viel geht es dabei um ihre persönliche Würde. "Ohne die geht es bei mir nicht", sagt sie.

Als sie Mitte 30 ist, verliert Silvia Weißkircher das Farbsehen. Ein paar Jahre später schwindet selbst die Fähigkeit, Grautöne zu erkennen. Ihre Welt wird dunkel. Jetzt muss sie lernen zu akzeptieren, dass sie viele Dinge nicht mehr alleine schaffen kann - für die selbstbewusste und unabhängige Frau eine der größten Herausforderungen ihres Lebens. Doch schon bald erkennt sie, dass die Menschen ihr gern zur Seite stehen. Das macht ihr Mut. Inzwischen hat sie kein Problem mehr damit, dass sie Assistenz braucht, wie sie es nennt. "Ich finde, das Wort Hilfe drückt eine Hierarchie aus, während bei Assistenz beide Seiten auf der gleichen Stufe stehen können." Dieser Satz sagt viel aus über Silvia Weißkircher. Dass sie sich nicht unterkriegen lassen will. Dass sie um ihre Eigenständigkeit kämpft. "Ich will mich nicht von der Gesellschaft tragen lassen. Ich will Teil von ihr sein."

Für sie bedeutet das vor allem, in Merchweiler ihre Wing-Tsun-Schule zu führen. Ihre 115 Schüler in der Kampfkunst zu unterweisen, die sie selbst so viel fürs Leben gelehrt hat: Vertrauen in sich selbst und die Fähigkeit, Probleme nicht nur zu erkennen, sondern auch in Angriff zu nehmen. Wing Tsun hat ihr geholfen, ihr inneres Gleichgewicht zu finden. "Ich habe gelernt, nicht darauf zu schauen, was nicht mehr geht, sondern was noch geht", erklärt sie. 1991 hat sie begonnen, die Kampfkunst zu erlernen, inzwischen hat sie den vierten Lehrergrad. 1996 eröffnet sie ihre Schule. Für Silvia Weißkircher ist Wing Tsun, das die Reflexe bei Körperkontakt schult, zur Lebenskunst geworden. "Das kann ich den Menschen weitergeben. Und weil ich selbst in einer schwierigen Situation bin und trotzdem Freude am Leben und Humor habe, bin ich dabei glaubwürdig."

 Abgewehrt: Silvia Weißkircher demonstriert mit Schwiegersohn Michael Schröder die Kampfkunst Wing Tsun. Fotos: Oliver Dietze

Abgewehrt: Silvia Weißkircher demonstriert mit Schwiegersohn Michael Schröder die Kampfkunst Wing Tsun. Fotos: Oliver Dietze

Der Humor, er ist ständiger Begleiter für Silvia Weißkircher, die Dinge sagt wie: "Es ist schon ziemlich unpraktisch, blind zu sein." Oder: "Wenn ich mit jemanden zusammenstoße, lache ich eben und mache weiter." Oder: "Einen Raum voller Blinder erkennt man daran, dass alle sich an ihren Gläsern festhalten, als wollte ihnen jemand etwas wegtrinken." Doch mit Humor durchs Leben zu gehen, heißt nicht, dass alles eitel Sonnenschein ist. "Auch ich habe meine Trauerphasen und die sind sehr intensiv." Am meisten betrauert sie den Verlust ihrer Souveränität und die Gewissheit, mit der Sehende durch die Welt gehen. Die Farben fehlen ihr, vor allem im Winter. "Dann ist es, als ob die Welt verschwunden ist. So still", sagt die 53-Jährige. Ganz anders im Sommer. Dann nehmen die Dinge durch Geräusche Gestalt an: das Rauschen der Blätter in den Bäumen, das Singen der Vögel, das Prasseln des Regens. "Deshalb bin ich auch so gern draußen." Am liebsten auf ihrem kleinen Pferdehof. Dort in der Natur, bei den Tieren findet sie Ruhe und Gelassenheit. "Das ist meine kleine Welt", sagt sie. Und sie hat ihr einen Namen gegeben: Sanssouci - ohne Sorgen. Es könnte auch ihr Lebensmotto sein.

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