Eva Buchheit reiste aus St. Ingbert in die Slums der Dritten Welt

Eva Buchheit : Aus St. Ingbert in die Slums der Dritten Welt

Statt Urlaub: Die Ärztin Eva Buchheit berichtet, warum sie schon neun Mal mit den German Doctors zu den Ärmsten aufbrach.

Es war 2003 in Nairobi. Eva Buchheit hörte vor dem Waggon der Slum-Ambulanz Baraka laute Schreie. Es gab Stress. Ein kleine Gruppe mit einer jungen Frau in der Mitte drängelte sich vor, bis hinein zu ihr, bis zur Pritsche. Die St. Ingberter Frauenärztin musste nicht mehr viel tun, eine gefühlte Minute später kam das Kind auf die Welt. Name: Eva. Eine hübsche, eine besondere Geschichte aus einer Welt voller Smog, Schmutz, Müll und Gestank für 180 000 Menschen, dem Mathare-Valley-Slum. Diese kaputte Umgebung der Ärmsten der Armen war sechs Wochen lang auch die von Eva Buchheit. Freiwillig, unentgeltlich, nicht nur in Kenia, immer wieder. Wenn andere in chicen Urlaubs-Ressorts das Cocktailglas hoben, führte Buchheit in einem Einfachst-Zimmer in Chittagong (Bengalen) oder Mindoro (Philippinen) Tagebuch. Oder sie saß mit Kollegen zusammen und unterhielt sich. Sozialleben statt Fernsehen, eine Rückführung auf das Einfachste und auf das Wesentliche, das ist es, was Buchheit bei ihren Einsätzen erlebt und schätzt. Denn der Acht-Stunden-Arbeitstag lässt durchaus Raum für Freizeit, „oft sogar mehr als zuhause“, berichtet sie.

Buchheit (67) war und ist im Auftrag der German Doctors unterwegs. Bereits neun Mal reiste sie als Einsatzärztin in die Dritte Welt, nach Bangladesch, Ruanda, Kenia, Kolumbien, Indien und auf die Philippinen. 1990 zum ersten Mal, in den Schulferien, damit sich ihr Mann um die Kinder kümmern konnte. Die Jüngste war fünf Jahre alt. „Alle sagten, wir haben Angst. Aber als ich wieder zuhause war, merkten wir, es läuft alles viel besser in der Familie.“ Sie sei ausgeglichener zurückgekehrt, meint Buchheit: „Man profitiert selbst von diesen Einsätzen.“

Es scheint ihr fremd, über ihre Beweggründe intensiver nachzudenken, zu selbstverständlich ist Buchheit das Helfen-Wollen, seit sie Medizin studierte. Und je mehr sich ihr Beruf technisierte und bürokratisierte, umso stärker wurde der Wunsch nach einer ursprünglicheren Medizin. Eine Langzeit-Verpflichtung wie sie Ärzte ohne Grenzen bot, eine Organisation, die vor allem in Not- und Krisengebieten aktiv ist, kam für sie wegen ihrer Familie nicht in Frage. Derweil kam ihr die Philosophie der German Doctors sehr entgegen, die damals noch Ärzte für die Dritte Welt hießen: Ziel war, Medizin zu den Ärmsten der Armen bringen. Dorthin, wo Unterversorgung herrscht, ohne dass immer Ärztemangel der Grund dafür ist. Meist handelt es sich um Systemfehler der Gesundheitspolitik. Wenn Menschen für medizinische Hilfe nicht zahlen können, bleibt sie aus. Denn auch die Ärzte müssen für ihr Einkommen sorgen.

1990, Dhaka. Bett, Tisch, Schrank, Ventilator, dieses Minimal-Interieur fand Buchheit in ihrem Zimmer in Bangladeschs Hauptstadt vor. Diese erste Begegnung mit der Dritten Welt muss ein Kulturschock gewesen sein. Doch davon spricht Buchheit nicht. Sie erinnert sich an Frauen, die es schafften, sich in Tümpeln zu waschen, obwohl sie einen Sari trugen: „Ich bewunderte sie.“ Und sie erzählt von Kindern, die, außer sich vor Freude, in Pfützen herumsprangen: „Es berührt, zu sehen, wie Menschen aus dem Wenigsten Freude ziehen. Man sieht dort generell mehr lachende Gesichter als hier.“ Und dann ist da auch das, was man für ein Klischee hält, bis es ein zurückhaltender, unsentimentaler Mensch wie Eva Buchheit formuliert: Mit welch stiller, tiefer, froher Dankbarkeit die Kranken den Ärzten begegnen. Eine der am stärksten berührenden Begegnungen hatte die St. Ingberter Medizinerin In Ruanda. Dort kämpfte das Team tagelang gegen die zerebrale Malaria eines 28-Jährigen. Vergeblich. Doch der Vater erhob keine Vorwürfe, schimpfte nicht. Er bedankte sich für die Mühe.

Die häufigsten Krankheiten, mit denen Buchheit und ihre Kollegen konfrontiert waren und werden, sind Tuberkulose, Aids, Syphilis, Gürtelrosen, Mangelernährung, Durchfall- und Atemwegserkrankungen. Letzeres erklärt sich nicht nur durch die Luftverschmutzung in den Mega-Cities. Slums werden überwiegend an Flussufern gebaut, wo Abfälle lagern, die den Boden verseuchen. Der gibt die Toxine nachts ab, wenn die Menschen aus dem Freien in ihre Hütten heimkehren.

In der Regel werden für die Behandlungen und Medikamente keine Gebühren erhoben. Wobei eine Regel der German Doctors lautet, keine extrem teuren Behandlungen wie etwa Herz-Operationen zu zahlen. Buchheit zitiert einen Leitspruch: „Wir wollen lieber 1000 Leute für drei Mark behandeln als einen für 3000.“

Bei ihren Aufenthalten hat sich die St. Ingberterin nicht mit dem Fernreise-Virus infiziert, ist nie als Touristin in ihre Einsatzländer zurückgekehrt, hat dort keine privaten Dauer-Kontakte geknüpft. Auch zur Polit-Aktivistin hat sie sich nicht entwickelt, die an den Regimen Systemkritik übt oder die deutsche Entwicklungshilfe verändern will. Wobei Buchheit als ehemalige SPD-Stadträtin und Kreistags-Mitglied seit je politisch denkt und eine „Bringschuld“ der ehemaligen Kolonialmächte gegenüber Afrika sieht. Doch ein antikapitalistischer Weltverbesserungs-Eifer treibt sie ganz offensichtlich nicht um. „Ich sehe das Ganze grundsätzlicher, es geht um Menschenliebe.“ Und zwischenzeitlich sieht sie auch hierzulande immer mehr Hilfsbedürftige. Also macht Buchheit bei den Tafeln mit, engagiert sich bei der Saarbrücker Huren-Selbsthilfe Aldona und bei Nele, einem Verein gegen sexuelle Ausbeutung von Mädchen, sowie für St. Ingberts Partnerstadt im Senegal. Und obwohl sie im vergangenen Jahr bei ihrem Einsatz in Kalkutta erstmals an ihre „körperlichen Grenzen“ stieß, wie sie sagt, will sie weiterhin für German Doctors unterwegs sein. Die Altersgrenze liegt bei 74.

Und dann erzählt die ernste und nachdenkliche Eva Buchheit doch noch etwas Lustiges, von Kenia. Dort gibt man Kindern oft die Namen von Welt-Berühmtheiten, als Vornamen. „Ich habe dort Ronald Reagan und Bill Clinton behandelt“, sagt Buchheit: „Eigentlich bin ich eine Promi-Ärztin.“

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