„Es ist ein beklemmendes Gefühl“

Alsdorf/Paris · Sein Bruder war einer der Selbstmordattentäter von Paris. Die Polizei fahndet weltweit nach dem 26-jährigen Salah Abdeslam. In Alsdorf bei Aachen schlägt eine Anti-Terror-Einheit zu. Doch Abdeslam ist nicht dort – es ist nicht die einzige Enttäuschung an diesem Tag.

Die Menschen in dem Viertel trifft die Terrorfahndung vor der eigenen Haustür aus dem Nichts: Mannschaftswagen mit abgedunkelten Scheiben fahren in Alsdorf-Schaufenberg vor, dahinter Krankenwagen. Dahinter sperrt ein Auto ohne Aufhebens die kleine Durchgangsstraße. Plötzlich stehen Polizisten mit Sturmhauben und Maschinenpistolen auf der Straße. Die SEK-Leute agieren schnell, still, unauffällig. "Gehen Sie rein", sagt ein SEK-Mann einem Anwohner, der gerade ahnungslos aus dem Haus will. Vier Menschen führen die Spezialkräfte ab.

Am Morgen hat die Polizei vor dem Jobcenter in Alsdorf bereits zwei Frauen und einen Mann mit ausländischen Pässen festgenommen. Nach einem Zeugenhinweis soll die Polizei die Drei zuerst observiert haben. Dann griffen sie zu. Diese Aktion war offensichtlich so unauffällig, dass bis zum Mittag nichts davon an die Öffentlichkeit drang. Stunden danach stand die Identität noch nicht fest, die Vernehmungen liefen.

Ähnliche Szenen spielten sich wenige Stunden zuvor in den Vororten Frankreichs ab - den gefürchteten "Banlieues" oder "Ghettos", wie sie Regierungschef Manuel Valls später nennen wird. Die Gürtel um die Großstädte, in denen Arbeitslosigkeit und Armut fast doppelt so hoch sind wie anderswo, haben schon einige Attentäter hervorgebracht. Seit der Anschlagsserie vom Freitag durchsucht die Polizei sie jeden Tag. Einen Raketenwerfer, dutzende Waffen, Computer, Festplatten und Handys beschlagnahmten die Ermittler. "Alle Elemente sind nützlich, um kriminelle Banden und Terrorgruppen zu zerschlagen", sagt Innenminister Bernard Cazeneuve. Er hat durch den Ausnahmezustand im Land freie Hand, kann Häuser ohne Genehmigung eines Richters durchsuchen. Und der Sozialist scheint den "état d'urgence" zu nutzen, um Tabula Rasa zu machen.

Zeitgleich zu den Aktionen in Frankreich bereitete die Polizei in Aachen wohl auch jenen zweiten Schlag in Alsdorf-Schaufenberg vor: Die Polizei vermutete, dass sich der mit Haftbefehl gesuchte 26-jährige Salah Abdeslam, ein Bruder eines der Selbstmordattentäter von Paris, dort aufhalten könnte. Ins Visier der Polizei rückte ein Mehrfamilienhaus mit fast nur ausländischen Namen auf den Klingelschildchen, wie eine Frau sagt.

Die Polizei nimmt auch bei diesem Einsatz vier Personen fest. Zwei hatten sich wohl auf dem Speicher versteckt und wurden erst später gefunden. Abdeslam ist nicht darunter. Zurück bleiben die Menschen im Aachener Viertel, zum Teil bedrückt, vielleicht auch verstört. "Ich arbeite in einem Betrieb mit vielen Menschen aus anderen Ländern", sagt die 35-jährige Katharina. Ihre Unbefangenheit hat gelitten. "Es ist ein beklemmendes Gefühl." Am Ende führt die Polizeiaktion zu nichts. Denn die sieben unter Terrorverdacht Festgenommenen werden wieder freigelassen. "Wir können feststellen, dass wir keine Erkenntnis haben, dass die Personen mit dem Anschlag in Verbindung stehen", sagt die Polizei .

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hintergrundSalah Abdeslam, ein Terrorverdächtiger von Paris, ist vor zwei Monaten durch Deutschland nach Oberösterreich gereist. Der 26-Jährige sei am 9. September mit zwei Begleitern bei einer Verkehrskontrolle nahe Passau aufgefallen, sagte ein Polizeisprecher gestern. Da er nach eigenen Worten nur Urlaub machen wollte, konnte er weiterfahren. Derweil will Bayern seine "Grenzkontrollen verstärken" und "die Schleierfahndung massiv ausbauen", sagte Innenminister Joachim Herrmann (CSU ). dpa