Erleuchtung in der Dunkelheit

Erleuchtung in der Dunkelheit

Der Gang durch den Sulzbach-Kanal einige Meter unter der Saarbrücker Innenstadt gestaltet sich als romantische Höhlen-Wanderung. Bis eine Pfütze aus Kot und Urin aus einem Rohr in der Wand tröpfelt.

Wir stehen in der Scheiße. In einer hellbraunen Soße, in der zerfasertes Klopapier schwimmt. Es stinkt, es ist einfach ekelhaft. Und gleichzeitig ungeheuer erhellend.

Wir befinden uns in der Saarbrücker Kanalisation , einige Meter unter den Straßen der Innenstadt. Eingestiegen sind wir durch einen Gully in der Bahnhofstraße, mitten in der Fußgängerzone. Wir mussten in Gummi-Anzüge steigen, Helme aufsetzen, Sicherheitsgurte umschnallen, über die wir beim Abstieg in die Kanalisation mit einem Seil gesichert waren. Das war ein ziemliches Aufhebens, Passanten blieben stehen, schauten zu und fragten, was wir da machen. Ein Abenteuer.

Unten ist es stockdunkel. Eine Dunkelheit, wie man sie in der Stadt sonst gar nicht kennt. Schaut man nach oben, durch den noch offenen Gully, erkennt man schwach das Tageslicht, aber das kommt sechs Meter in der Tiefe kaum mehr an. Nur die Taschenlampen erleuchten das Gemäuer.

Der Kanal ist über 100 Jahre alt und groß genug, um aufrecht darin stehen zu können. Der Sulzbach läuft hindurch, er sammelt das St. Johanner Regenwasser ein und transportiert es in die Saar. Wir stehen auf einem Steg, der seitlich an dem Gewässer entlangführt. Unser Grüppchen besteht aus drei Mitarbeitern des Zentralen Kommunalen Entsorgungsbetriebs Saarbrücken (ZKE) sowie mir und meinem Fotografen. Die Wände sind überzogen mit weißen Flecken; irgendwelche Ablagerungen, denke ich, aber die ZKE-Mitarbeiterin klärt auf: Das sind Spinnen-Kokons. Tausende Kokons, aus denen irgendwann unzählige Baby-Spinnen krabbeln und sich ausbreiten.

Das ist erst einmal das Furchterregendste. Der Sulzbach-Kanal hat nicht viel mit dem schmutzigen Bild zu tun, das man eigentlich von der Kanalisation hat. Das liegt daran, dass Saarbrücken ein Trennsystem hat: Regen- und Schmutzwasser werden in jeweils eigenen Kanälen transportiert. Und der Sulzbach-Kanal ist für Regenwasser vorgesehen.

Aus Öffnungen und Rohren in den Wänden und der Decke plätschert es hier und da. Draußen ist es diesig feucht, würde es richtig regnen, würde das Wasser hier im Kanal regelrecht runterklatschen - und wir dürften dann gar nicht hier sein, das wäre zu gefährlich.

Mit unseren Taschenlampen in der Hand laufen wir los, wir haben eigentlich gar kein Ziel außer das Ende des Stegs, ab dem es nach ein paar Hundert Metern zu Fuß nicht mehr weitergeht. Bis dahin laufen wir einfach, leuchten ins Dunkel hinein; leuchtet man mit der Taschenlampe ins Wasser , wird das Licht gebrochen und spielend schön auf die dunkle Kanalwand reflektiert. Höhlen-Romantik.

Plötzlich aber stinkt es. Vor unseren Füßen breitet sich eine Pfütze aus, gelblich-brauner Matsch, der aus einem Rohr in der Kanalwand tröpfelt. Die Pfütze ist zu breit, um einfach darüber zu springen, wir müssen durchlaufen. Jeder Schritt, trotz der dicken Gummistiefel, die ja nicht einmal mir gehören, sondern nur geliehen sind, braucht viel Überwindung. Das leise, schmatzende Geräusch beim Auftreten schlägt in die Ohren, tut richtiggehend weh. Den Mund traut man sich nicht aufzumachen, um den Ekel nicht auch noch auf der Zunge zu schmecken.

Diese Pfütze aus Kot, Urin und Klopapier gehört hier eigentlich nicht her. Aus den Rohren sollte bloß Regenwasser in den Kanal laufen. Aber irgendwer hat irgendwo über uns seine Toilette falsch angeschlossen, weshalb seine Fäkalien jetzt aus diesem Rohr vor unsere Füße tröpfeln. Die Toilette zu lokalisieren, um den Besitzer auf den Fehler aufmerksam zu machen, ist praktisch unmöglich.

Mitten in diesem romantischen Kanal-Spaziergang bricht mit dem stinkenden Matsch also die Realität über mich herein. Menschliches Zusammenleben, Zivilisation, hier unten findet sie ihren Anfang. "The Great Stink", der große Gestank, nennt man den heißen Sommer 1858 in London, währenddessen all die Abwässer in der Themse derart müffelten, dass die Londoner schließlich den Bau einer effizienten Kanalisation angingen. Um Probleme wird sich eben erst gekümmert, wenn sie schon zum Himmel stinken.

Die Kot-Pfütze hier unten im Sulzbach-Kanal ist freilich kein vergleichbares Problem - nicht viel mehr als ein Tropfen im Meer. Leuchtet man in den Sulzbach, sind sogar Fische zu erkennen, die aus der Saar in den Kanal hineinschwimmen. Ein gutes Zeichen.

Aber wer die Pfütze sieht, sie riecht, sie durch die Gummistiefel hindurch fühlt, dem steigt sie in den Kopf. Dem fällt auf: Was wir im Klo runterspülen, ist weg, aus den Augen, aus dem Sinn. Was zu funktionieren scheint, was kein sichtbares Problem erzeugt, das wird nicht reflektiert. Wie grundlegend wichtig das System unter unseren Füßen ist, merkt man erst, wenn man mal selbst im Dreck steht. Und froh ist, schnell wieder draußen zu sein.

"Duschen muss jeder, scheißen muss jeder", sagt mir später am Tag ein ZKE-Mitarbeiter. "Ohne funktionierende Kanäle ist das nicht möglich." Selbstverständlich, eigentlich. Richtig bewusst wird das einem aber erst im Kanal selbst.

Beim Abstieg in den Kanal müssen immer zwei Mann absichern.
ZKE-Mitarbeiter Werner Ehrhardt (r.) hilft dem SZ-Reporter mit der Taschenlampe – die ist bei der Dunkelheit hier unten wichtig.

Zum Thema:

HintergrundWegen des Trennsystems soll Putzwasser in Saarbrücken nicht in Straßengullys, sondern in die Toilette oder den Abfluss gekippt werden, damit Reinigungsmittel nicht in die Regenwasserkanäle und schließlich in Gewässer wie die Saar gelangen. Nicht nur in Saarbrücken , sondern überall gilt: In die Toilette geworfene Essensreste sind ein Fest für Ratten in der Kanalisation . Und Ratten können auf der Suche nach der Nahrungsquelle übrigens auch Rohre hochklettern. Durch das stehende Wasser im Rohrknie der Toilette zu tauchen ist dann auch kein Problem mehr. Ratten in der Toilette sind tatsächlich kein Mythos. lre