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Entzauberung oder Volksverhetzung?

Entzauberung oder Volksverhetzung?

Es gilt als eines der gefährlichsten Bücher der Welt. Und das, obwohl sich Hitlers "Mein Kampf" durch einen "prätentiösen Stil" und "gedrechselte, wurmartige Perioden" auszeichnet, wie es der Historiker Joachim Fest einmal beschrieb.

Morgen erlischt das Urheberrecht an der Propaganda-Schrift. Nur wenige Tage danach, am 8. Januar, wollen Münchner Historiker eine wissenschaftlich-kritische Edition der zentralen NS-Programmschrift veröffentlichen. Für die einen ist es ein notwendiger Beitrag zur Entzauberung des "Führers", für die anderen schlicht Volksverhetzung, die es weiter mit allen Mitteln zu verhindern gilt.

70 Jahre lang hat Bayern alles versucht, Hitlers Buch unter Verschluss zu halten und seine Weiterverbreitung zu verhindern - mit begrenztem Erfolg. Vom Büchermarkt verschwand das Machwerk nie. Wer wollte, konnte es sich im Antiquariat, auf dem Flohmarkt, im Ausland oder im Internet ohne großen Aufwand beschaffen, ganz legal. 780 Seiten hat das Original, der Umfang der kritischen Neuausgabe des renommierten Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) in München ist zweieinhalb mal so groß. 3700 Anmerkungen hegen das Pamphlet ein. Das Konzept ist klar: Auf keiner Seite soll der Leser mit Hitlers Lügen und Halbwahrheiten allein gelassen werden. Die Forscher wollen zugleich zeigen, dass die Ideologie des Diktators nicht wie ein Unglück von außen über Deutschland kam, sondern tief in der deutschen Gesellschaft und Kultur wurzelte. So hat nicht erst Hitler über Zwangsmaßnahmen gegenüber Menschen mit Behinderungen nachgedacht.

Bis vor drei Jahren ging das IfZ davon aus, mit seinem schon länger verfolgten Projekt im staatlichen Interesse zu handeln. Der bayerische Landtag begrüßte das Vorhaben einhellig, 500 000 Euro flossen aus der Staatskasse. Doch dann änderte Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU ) seine Meinung - nach einer Israelreise im September 2012, wo er auf Vorbehalte gegen das Projekt stieß. Die Regierung zog sich zurück, die Forscher machten weiter. Ihr zweibändiger Wälzer erscheint im Eigenverlag. Zum Start wurden zunächst 4000 Exemplare gedruckt. Justizpolitisch ist die Lage nicht ganz eindeutig. Die Ressortchefs der Länder wollen 2016 unkommentierte Neuauflagen von "Mein Kampf" verhindern - und berufen sich dabei auf Volksverhetzung. Ob auch die kritisch-distanzierte Münchner Ausgabe unter diesen Straftatbestand fällt, müssen im Zweifelsfall die Gerichte entscheiden, heißt es in Bayern. Ein Persilschein sieht anders aus.

Beim IfZ rechnet aber niemand ernsthaft damit, dass die Edition den Staatsanwalt beschäftigen wird. Dagegen spricht das Grundrecht der Wissenschaftsfreiheit. Auch Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU ) kann als Historiker dem Anliegen einiges abgewinnen, eine solide Grundlage für die künftige wissenschaftliche und pädagogische Befassung mit "Mein Kampf" zu schaffen.

Der Zentralrat der Juden in Deutschland fürchtet zwar, dass Hitlers Propagandaschrift nach Auslaufen des Urheberschutzes verstärkt auf den Markt gebracht wird. Gegen eine wissenschaftlich-kommentierte Ausgabe für Forschung und Lehre hat Präsident Josef Schuster jedoch keine Einwände. Kenntnisse von "Mein Kampf" seien "nach wie vor wichtig, um den Nationalsozialismus und die Schoah zu erklären", sagt er. Schusters Vorgängerin Charlotte Knobloch klingt etwas anders. Sie findet, dass "Deutschlands gefährlichste Schrift" keinen Platz mehr in der politischen Kultur haben dürfe. Die beteiligten Forscher mögen "hervorragende Expertise" besitzen, das angestrebte Ziel der Demaskierung und Entmystifizierung Hitlers sieht Knobloch skeptisch. Die öffentliche Diskussion werde die Aufmerksamkeit für das Buch neu wecken. Daher sei es "brandgefährlich", Hitlers Hass wieder unter die Menschen zu bringen, selbst in kommentierter Form.

IfZ-Direktor Andreas Wirsching nimmt solche Stimmen ernst. Immerhin hat Knobloch den Holocaust selbst nur knapp überlebt. Der Historiker nimmt in Kauf, dass sein Projekt bei einigen "möglicherweise unüberwindbare Empörung" auslöst. Als kaltherziger Wissenschaftler will er aber auch nicht dastehen. "Die historische Aufklärung der NS-Geschichte und ihrer Verbrechen ist immer auch Dienst an der Würde der Opfer", sagt der Historiker.