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„Einheit hätte schrittweise kommen müssen“

„Einheit hätte schrittweise kommen müssen“

Eines seiner letzten Interviews gab Günter Grass vor wenigen Wochen zur Leipziger Buchmesse der „Rheinischen Post“. Der Literaturnobelpreisträger brachte den Sammelband „Freipass“ heraus – unter anderem mit Beiträgen über sein Werk und sein politisches Engagement. Hier einige Auszüge aus dem Gespräch.

Wir sitzen hier ganz in der Nähe eines für die deutsche Einheit bedeutsamen Ortes - der Leipziger Nikolaikirche. Es gibt noch immer viele Intellektuelle, für die der Einheitsprozess vor 25 Jahren überhastet geschehen ist.

Grass: Die Einheit ist über die Köpfe der Beteiligten hinweg gemacht worden, die die Machthaber in der DDR gestürzt und damit ihre Schuldigkeit getan hatten. Die Einheit ist ganz und einseitig nach westdeutschen Gesichtspunkten geschehen. Auch ist der Schlussartikel unseres Grundgesetzes, wonach im Falle einer deutschen Einheit dem deutschen Volk eine neue Verfassung vorgelegt werden müsse, missachtet worden.

Sie gehörten zu jenen, die lange Zeit gegen eine deutsche Wiedervereinigung waren . . .

Grass: Nein, im Gegenteil: Ich war einer der wenigen, die die Teilung nicht hingenommen haben. Nur bin ich davon ausgegangen, dass, wenn es dazu kommt, wir es schrittweise machen und uns in einer Konföderation einander nähern müssen - zumal die Bürger der ehemaligen Sowjetischen Besatzungszone die Hauptlast des verlorenen Krieges tragen und beispielsweise ohne Marshallplan auskommen mussten.

Welche politische Atmosphäre nehmen Sie derzeit in Deutschland wahr - auch vor dem Hintergrund der Pegida-Demos gerade hier im Osten?

Grass: So etwas kommt nicht von ungefähr. Die diffuse Angst, die die Menschen da äußern, ist das Spiegelbild einer diffusen Politik, die zunehmend von Lobbyarbeit bestimmt wird. Das Wegdeligieren von politischen Entscheidungen in die Wirtschaft halte ich für sehr gefährlich.

Wird Pegida Ihrer Meinung nach von Politikverdrossenheit angetrieben?

Grass: Das trifft zu für einen Teil der Leute. Natürlich gibt es auch Rechtsradikale darunter, und das sind immer die Lautesten. Aber es sind eben auch ehemalige Wutbürger dabei, und das muss man wahrnehmen. Es gibt Gründe für dieses Misstrauen gegenüber Politik. Man müsste eine Art Bannmeile um den Bundestag legen - für alle Lobbyisten. Wenn man es zuspitzen will: Nicht der Islam gefährdet die Bundesrepublik, sondern das Lobbywesen. Die Demokratie ist zu einer Scheindemokratie verkommen.

Wie nehmen Sie Papst Franziskus wahr?

Grass: Der verbreitet frische Luft. Ich bin zwar kein gläubiger Mensch, aber ich mache mir Sorgen, ob er am Leben bleibt. Es wäre nicht der erste Fall dieser Art in der katholischen Kirche. Und mit der Kurie hat Franziskus noch viel zu tun. Papst Benedikt war ein Büchermensch - sehr liebenswürdig zwar, aber zu schwach für die Position. Obgleich er einiges versucht und auch Vorarbeiten geleistet hat. Dass bei der Vatikan-Bank einiges im Unreinen war, wusste er auch. Aber er hätte nie die Kraft gehabt, die Geldwechsler aus dem Tempel zu schmeißen.