Eine ganze Stadt als Symbol des Widerstandes

Mehrere Wege führen nach Verdun. Wer von Saarbrücken kommt, nicht den schnellsten Weg über die Autobahn wählt, sondern über die Landstraße (route départementale) fährt, sieht vor der Stadt erstmal nur Wald.

 73 Stufen führen von der Fußgängerzone hoch zum Siegesdenkmal, das an die gefallenen Soldaten erinnert. Foto: Fotolia

73 Stufen führen von der Fußgängerzone hoch zum Siegesdenkmal, das an die gefallenen Soldaten erinnert. Foto: Fotolia

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Über Kilometer reihen sich hunderte kahle Bäume dicht aneinander. Es ist ganz still, bis auf das leise Knacken der Äste bei einem heftigen Windstoß hört man nichts. Im Sommer, wenn der ganze Wald grün ist und die Vögel zwitschern, fühlt es sich wahrscheinlich anders an. Ende Februar ist es aber still und kühl.

Es war auch Ende Februar, als hier vor genau 100 Jahren die ersten Schüsse fielen. Denn, das was heute wie eine friedliche Naturwelt aussieht, wurde vor genau einem Jahrhundert zum Schlachtfeld. Rund 300 000 Menschen starben hier im Kugelhagel, an Giftgasen, blieben im Schlamm stecken und erlagen ihren Wunden. An die Brutalität der blutigen Kämpfe erinnert heute in diesem Abschnitt des Waldes, ein paar Kilometer vor den Toren der Stadt, nichts mehr. Die Erde von Verdun ist die einzige Zeugin. Nur an den vielen Kratern des welligen Bodens, vergleichbar mit einer Mondlandschaft, kann man die Intensität der Gefechte erahnen.

Heute lauern die meisten Gefahren unter der Erde. Die verbotene Zone, "la zone rouge", ist mit Schwermetallen und Giften verseucht. Und natürlich Leichen. Es wird geschätzt, dass dort noch die sterblichen Überreste von knapp 80 000 Männern begraben liegen. Die rote Zone gleicht einem Waldfriedhof.

Die Départementale führt weiter in die 20 000-Seelen-Stadt Verdun, durch die leere Vorstadt. In der "Avenue de la 42e division" jagt ein Leerstand den anderen. Die Apotheke scheint erst seit kurzem verwaist. Von der Bäckerei ein paar Häuser weiter blieb nur noch ein Reklameschild. Die Innenstadt ist viel lebendiger. Auf den ersten Blick erinnert kaum etwas an das Blutvergießen vor 100 Jahren, obwohl die nächsten großen Gefechte gerade mal 3,4 Kilometer von der Stadt entfernt stattfanden. Nur wer genau hinschaut, findet Belege für das historische Erbe Verduns - an jeder Straßenecke: Place André Maginot, Avenue de Douaumont, Avenue du Soldat Inconnu.

In der Fußgängerzone reihen sich Modeketten-Filialen an kleine Boutiquen. In einer werden Dragées (linsenförmige Mandeln mit Schokolade oder Zucker umhüllt) verkauft - eine Spezialität von Verdun. "Natürlich sind wir stolz, dass unsere Stadt ein Symbol für den Widerstand Frankreichs ist. Es ist gut, dass die Leute hierher kommen und sich das ansehen, damit es nicht nochmal passiert", meint die Verkäuferin. "Es wäre aber besser, dass sie nicht nur zum Beinhaus und zu den Friedhöfen kommen, sondern auch ins Zentrum. Wir haben mehr zu bieten als Krieg - zum Beispiel Dragées."

Mitten in der Fußgängerzone steht das Siegesdenkmal. 73 Stufen führen hoch, dorthin, wo in der Römerzeit die Stadtmauer stand. Nach dem schweren Granatenbeschuss von 1916 wurde sie wiederentdeckt und nach dem Krieg entschied man sich, das imposante Mahnmal, das die Stadt überragt, hier zu errichten. Die Hälfte der Stadt wurde 1916 durch Artilleriefeuer zerstört. Die Zeichen davon trägt noch die Kathedrale. Die Einschusslöcher sind auf dem Seitenflügel nicht zu übersehen. Neben dem Dom wurde das Weltzentrum für Frieden, Freiheit und Menschenrechte gegründet - in der Stadt, deren Namen ein Symbol für eines der grausamsten Gemetzel der Weltgeschichte ist. Nach Paris ist Verdun einer der bekanntesten Namen weltweit, wenn man an Frankreichs Städte denkt, dennoch verirren sich nur die wenigsten Touristen in die City. "Die Besucher, die nur einen Tag bleiben, besichtigen vor allem das ,Beinhaus' im früheren Douaumont. Diejenigen, die übers Wochenende bleiben, sehen sich hier vor allem die Citadelle Souterraine an", sagt Magali Maciejasz, Leiterin der Tourist-Info. 2014 kamen 410 000 Touristen nach Verdun. Im Jubiläumsjahr 2016 werden deutlich mehr erwartet.

Die unterirdische Zitadelle, die die meisten anlockt, befindet sich etwa zehn Minuten von der Innenstadt entfernt. In diesen unterirdischen Gängen, einer Art Kasematte, befand sich 1916 die Schnittstelle zwischen Front und Hauptquartier. Heute werden die Besucher mit einer kleinen Bummelbahn durch die Anlage gefahren. Hier wurden auch die Gebeine ausgesucht, die unter dem Arc-de-Triomphe in Paris beim Grabmal des unbekannten Soldaten liegen.

Vor der Zitadelle parken Reisebusse, an diesem Tag viele aus Frankreich und nur einer aus Deutschland. Verduns Bürgermeister Samuel Hazard, selbst Geschichtslehrer, will, dass noch mehr aus dem Nachbarland seine Stadt besuchen. Dafür wird er im März bei der Tourismusmesse ITB in Berlin werben. Ein Drittel der Einnahmen der Stadt kommt vom Gedenktourismus. Nicht nur deshalb ist das historische Erbe für die Bewohner wichtig. "Die Bevölkerung hängt an ihrer Geschichte. Zwar sind die Anwohner nicht bei jeder Feierlichkeit dabei, aber sie sind sehr stolz, dass Verdun zu einem Symbol des Widerstandes wurde", sagt Hazard. Genervt seien die Menschen nur, dass die Straßen immer wieder gesperrt werden, wenn hochrangiger Besuch ansteht.

Der nächste steht schon an. Im Mai kommen Staatspräsident François Hollande und Bundeskanzlerin Angela Merkel nach Verdun. Hunderte zusätzliche Sicherheitskräfte wurden extra angefordert. Was Hazard ganz besonders freut: Merkel will nicht nur das Schlachtfeld besuchen, sie kommt auch in sein Rathaus, in seine Stadt.

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