Ein Leben ohne Schule

In dem alten Bauernhaus, in dem Victor mit seiner Familie lebt, ticken die Uhren anders. Wer dem hektischen Stadtalltag, morgendlichen Staus und fluchenden Autofahrern entkommen ist und sich durch die schwere, immer geöffnete Haustür schleicht, betritt eine andere Welt. Im durchsonnten Wohnzimmer wuseln an diesem Morgen drei Kinder über den Fußboden. Alle kichern, in voller Lautstärke läuft Gypsie-Musik, "17 Hippies". Als die Musik abbricht, krabbeln die Kinder auf am Boden liegende Kissen. Der einjährige Arthur hat den Sinn des Spiels noch nicht verstanden. Die anderen ziehen ihn kreischend auf ein Kissen. Reise nach Jerusalem.

 Der neunjährige Victor (rechts) beim Bauen eines Roboters im Kreise seiner Familie. Foto: Rich Serra

Der neunjährige Victor (rechts) beim Bauen eines Roboters im Kreise seiner Familie. Foto: Rich Serra

Foto: Rich Serra

Um Besuch wird hier nicht viel Aufhebens gemacht, wer kommt, ergibt sich willfährig dem neuen Rhythmus, kniet sich zu den anderen auf den Boden. Dort wird ein Tagesplan geschmiedet. Die sechsjährige Frieda will heute "ihren Garten" machen. Und was mag Victor? "Ich mag Metall", grinst der Junge mit dem verschmitzten Gesicht. Er leert seine Hosentaschen aus, zieht Schrauben, Muttern, eine Münze und einen riesigen alten Schlüssel hervor. Rumschrauben, löten, das mache er am liebsten, sagt Victor. Dafür hat Victor viel Zeit, mehr Zeit als die meisten anderen Kinder. Denn er geht nicht zur Schule. Was, wann und wie lange er lernt, bestimmt er selbst. "Ich lerne immer dann, wenn mich was interessiert", sagt der Neunjährige.

Heute hat er sich eine alte Computermaus vorgenommen, baut sie auseinander und schraubt die Teile neu zusammen. Sein Vater Raphael beobachtet, was er tut. "So wird das nichts", meint er schließlich. Die beiden setzen sich an den Tisch, zeichnen Stromkreise, machen einen Plan. "Er bastelt, stößt auf ein Problem, und dann gucken wir uns die Theorie dahinter an", so der Vater. "Freilernen" nennen das Victors Eltern . Andere nennen es Schulverweigerung, in Deutschland ist es verboten, wird als Ordnungswidrigkeit, in einigen Bundesländern sogar als Straftat geahndet. Als letzte Konsequenz droht Eltern gar Erzwingungshaft oder der Sorgerechtsentzug. Mit seiner strikten Schulpflicht steht Deutschland in Europa fast alleine da. Nur in Schweden wird es ähnlich streng geahndet, wenn Eltern ihre Kinder nicht zur Schule schicken. Victors Familie lebt im Elsass. Hier gibt es keine Schulpflicht . Zwar gilt in Frankreich Bildungspflicht, doch steht es Eltern frei, ihre Kinder zu Hause zu unterrichten.

"Ich bin nicht gegen Schule, ich bin nur für unser Leben, so wie es ist", sagt Victors Mutter, die Saarbrückerin Annemarie. Die 36-Jährige ist selbstständige Wildnispädagogin und arbeitet auch für eine Saarbrücker Grundschule. Wenn sie mit Schulklassen in den Wald geht, sind ihre Kinder immer mit dabei. "Die meisten Menschen kommen früh an den Punkt, an dem ihre Kinder nur noch sehr beschränkt Teil ihres Alltags sind", sagt Annemarie. "Bei uns sind sie einfach immer dabei." "Im Einklang mit der Natur" wollen sie leben, sagt Vater Raphael, der an vier Tagen die Woche als Mechatroniker arbeitet. Und in diesem Einklang sollen auch die Kinder groß werden. Dazu gehöre für sie eben auch, sie in keinen Rahmen zu zwingen. Schule sei oft sinnentleert, habe keinen direkten Bezug zum Leben, meinen die Eltern . Victors Vater baut, repariert oder sucht kniffelige Lösungen um den Brunnen im Garten zum Plätschern zu bringen. Die Mutter gärtnert, malt, näht, sammelt Kräuter, liest vor, bastelt wundersame Möbel und phantasievolle Vogelhäuschen. Bei alldem sind die Kinder dabei - oder eben nicht. "Oft mache ich einfach mein Ding, und die Kinder haben die Möglichkeit sich daran zu beteiligen", sagt Mutter Annemarie. "Ich glaube, das ist auch ganz gesund." Einen klar strukturierten Alltag gibt es nur teilweise. Das Lernkonzept der Familie ist schnell erklärt: Sie vertrauen auf die Neugierde ihrer Kinder. "Jedes Kind ist von Natur aus motiviert zu lernen. Ich denke, diese Motivation wird oft kaputt gemacht", sagt Annemarie. In die Entscheidung, die Kinder nicht in die Schule zu schicken, seien sie langsam "reingewachsen". Victor war als kleines Kind schüchtern, Gleichaltrigen oft unterlegen. "Ich dachte, wenn ich ihn mit drei in die Vorschule schicke, macht ihn das kaputt", sagt die Mutter. Nur so ein Gefühl sei das zunächst gewesen, ohne eine Ideologie dahinter. Ausgerechnet eine befreundete Lehrerin habe sie darauf gebracht, Victor nicht einzuschulen. "Wenn du ihm was Gutes tun willst, lass ihn doch daheim", riet sie. Erst habe sie gedacht, die spinnt ja, sagt Annemarie. Doch dann habe sie begonnen, sich mit Freilernen zu beschäftigen.

Heute ist ein besonderer Tag. Der Tag der "Inspektion". Wer in Frankreich seine Kinder zu Hause unterrichtet, bekommt einmal jährlich Besuch von Vertretern des Bildungsministeriums. Dabei soll geprüft werden, ob die Kinder Zugang zu Bildung haben. Die Inspektorin, Stéphanie Didiot, lila Lippen, energisch, ist nicht allein gekommen: Madame Anne Boos sei pädagogische Beraterin, soll sich allein mit Victor unterhalten. "Wir wollen auf keinen Fall, dass unsere Kinder geprüft werden", stellen die Eltern klar. "Das entspricht nicht unserer Art zu arbeiten." Die Frauen akzeptieren die Entscheidung, nehmen keinen direkten Kontakt zu Victor auf. Begutachten stattdessen von Victor gemalte Bilder und beschriebene Zettel. Er könne auf Deutsch lesen, berichtet die Mutter. Mit französischer Orthografie tue sich Victor, der zweisprachig aufwächst, noch schwer. Und mit Zahlen beschäftige er sich am liebsten, wenn er sie direkt anwenden kann. Er rechne zum Beispiel aus, wie lang die Seiten eines selbst gebauten Vogelhäuschens sein müssen.

Stéphanie Didiot macht sich Notizen, stellt gezielt Fragen. Eine kehrt dabei immer wieder: "Wie wollen Sie ohne Lehrplan sicherstellen, dass Victor das Wissen erlangt, das er braucht?" Es geht um den sogenannten "socle commun", erläutert Didiot, ein achtseitiger Katalog des Bildungsministeriums, der die Kenntnisse auflistet, die Schüler mit Abschluss der Pflichtschulzeit besitzen müssen. Dazu gehören Fächer wie Französisch, Mathe und Naturwissenschaften, aber auch soziale und "staatsbürgerliche" Kompetenzen. Das französische Bildungssystem verlangt lediglich, dass Victor mit 16 Jahren diesen "socle commun" erreicht hat, erklärt Boos "Wir tolerieren, dass das Kind in seinem Rhythmus lernt", sagt Didiot. "Wir beraten nur, prüfen, ob die Kinder Fortschritte machen. Der pädagogische Weg ist freie Wahl der Eltern ." Didiot betreut alle Heimlerner in ihrem Distrikt Vosges du Nord. "Une dizaine", etwa zehn Familien, seien es dort. Insgesamt lernen etwa 20 000 Kinder in Frankreich zu Hause. Eine französische Studie zum Erfolg von Heimlernern gibt es nicht, mehrere US-amerikanische Studien zeigen aber, dass sie oft in Leistungstests sogar besser abschneiden und einen höheren Bildungsgrad erreichen als beschulte Schüler.

Ist das Freilernen ein Experiment? Nein, sagt Raphael. "Das ist unser Leben." Schließlich gehe es ja um ihre Kinder, und die werden nur einmal groß. Gerade deshalb kennen die Eltern auch Zweifel. "Wir müssen immer wieder überprüfen, dass die Kinder nicht nur unser Leben, unsere Sichtweise kennenlernen", sagt Raphael. Angst, ihren Kindern Wege zu verschließen, haben sie aber nicht. "Victor kann sich jederzeit zum Abitur anmelden, selbst mit 15, wenn er den Stoff drauf hat", sagt Annemarie. Und so in drei, vier Jahren werde es richtig spannend: "Dann kann Victor anfangen, Praktika zu machen. Freilerner spezialisieren sich oft schneller, aber mit breiterem Blickwinkel." Für sie selbst sei es harte Arbeit gewesen, ihren Weg zu finden, sich nicht immer danach zu wenden: Was ist die Norm? Wie machen es andere? "Ich glaube, Kinder, die von Anfang an ihrem Herzen folgen können, haben uns da etwas voraus."

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