Ein Dorf kommt nicht zur Ruhe

Tröglitz · Die Behörden wollen den Brandanschlag auf ein Flüchtlingsheim in Tröglitz schnell aufklären. Bald soll der Ort ein Zuhause für Verfolgte werden. Neue Drohungen überschatten die Bemühungen.

Der kleine Ort Tröglitz in Sachsen-Anhalt ist seit Ostern gebrandmarkt. "Davon wird Tröglitz sich wohl nie erholen", sagt Markus Nierth. Der siebenfache Vater ist kürzlich als Ortsbürgermeister zurückgetreten, weil er sich und seine Familie rechtsextremen Anfeindungen ausgesetzt sah. Immer wieder gab es zuletzt Proteste gegen ein geplantes Flüchtlingsheim, für das sich auch Nierth einsetzt.

Am Samstag nun haben Unbekannte das Haus angezündet, in das im Mai 40 Flüchtlinge einziehen wollten. Landrat Götz Ulrich ist unter Polizeischutz gestellt worden. Er wird bedroht, weil er weiter an der Unterbringung der Flüchtlinge festhält. Und auch die Familie von Nierth hat neue Drohungen bekommen. Wie geht es nun weiter in Tröglitz ? Für Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht ist klar: In den Ort sollen so bald wie möglich die ersten Flüchtlinge kommen.

Ostermontag ist es ruhig in dem Ort mit gut 2700 Einwohnern. Einige werkeln in ihren Vorgärten. Wer für das Feuer verantwortlich ist, ist auch zwei Tage nach der Tat unklar. Die Staatsanwaltschaft hält einen politischen Hintergrund für naheliegend. Spricht man Bewohner an, wollen die meisten nichts sagen. Vor dem Flüchtlingsheim steht ein Polizeiwagen. Das Innenministerium hat den Schutz von Asylbewerberunterkünften in ganz Sachsen-Anhalt erhöht.

Der Landrat schildert in mehreren Interviews, wie er bedroht wird. "Das nimmt unangenehme Formen an. Das geht sogar so weit, dass die Methoden der Französischen Revolution angedroht werden", sagt der CDU-Mann. Laut "Bild" ist in dem Zusammenhang von einer Enthauptung die Rede gewesen. Dem MDR sagt Ulrich über E-Mails, die er erhalten hat: "Ich bin persönlich bedroht worden und der Hinweis kam, dass das nicht der letzte Schritt ist."

Ulrich ist für die Unterbringung von Flüchtlingen in dem Kreis zuständig. Unlängst hatte er beim Bund eine stärkere Förderung beantragt. Unter anderem hatte er sich für Deutschkurse für Kinder von Asylbewerbern eingesetzt. Welche Folgen ein solcher Einsatz haben kann, weiß Nierth nur zu genau. Die NPD hatte direkt vor seinem Privathaus gegen das Asylbewerberheim protestiert.

Nach dem Brandanschlag zeigten sich viele im Ort betroffen und wollten ein Zeichen gegen Fremdenhass setzen. Rund 300 Menschen kamen am Samstag zu einer spontanen Demonstration. Auch Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU ) war dabei. Ulrich kündigte dabei an, mit Vermietern sprechen zu wollen und andere Häuser zu finden, um die Flüchtlinge unterzubringen. Diese Idee will Innenminister Stahlknecht schnell in die Tat umsetzen. Als Zeichen, "dass die Menschen vor Ort sich durch so ein Geschehen nicht abschrecken lassen". Schon heute will er mit dem Landrat über eine Unterbringung von Flüchtlingen in privaten Wohnungen sprechen. Auch das unbewohnbare Flüchtlingsheim soll nach der Sanierung wie geplant von Asylbewerbern bezogen werden.

Die Frage aber bleibt: Hätte die Politik mehr tun müssen? Hätte sie früher auf die Ängste der Tröglitzer eingehen müssen? Landrat Ulrich räumt zumindest ein, dass man "im Vorfeld" nicht ausreichend mit den Einwohnern des Ortes geredet habe. Das Nachbarstädtchen Hohenmölsen hat nämlich gezeigt, dass es auch anders geht. Auch hier gab und gibt es Unsicherheit, Skepsis und Ablehnung. Doch frühe Aufklärung und die Initiative vieler engagierter Bürger halfen, Vorbehalte abzubauen. Hier, wo sich die Konflikte zwischen örtlicher Verwaltung, die ein Asylbewerberheim durchsetzen muss, und ausländerfeindlichen Bürgern abspielen, geht es auch um eine Art Verteilungskampf. Die Flüchtlinge bekämen zu viel Sozialleistungen - zulasten der sozial Schwachen, so der Vorwurf aus der Zuhörerschaft, als sich Ulrich vor wenigen Tagen die Sorgen der Tröglitzer anhörte.

Die Flüchtlingsorganisation Pro Asyl bemängelt, dass auf allen drei Ebenen -Bund, Länder und Gemeinden - beim Thema Ausländer nur kurzfristig gedacht werde. Der Bund ist für die Bearbeitung der Asylanträge zuständig. Länder und Kommunen müssen sich um Versorgung und Unterbringung kümmern. Sie fühlen sich wegen steigender Flüchtlingszahlen überfordert. Ende 2014 war der Druck so groß geworden, dass der Bund zusätzlich eine Milliarde Euro zusagte. Doch schon Anfang dieses Jahres verlangten die Länder mehr und hantierten zum Teil mit Zahlen, die fast doppelt so hoch lagen wie die der Bundesbehörden. Dieser Dauerstreit bleibt der Öffentlichkeit nicht verborgen.

Meinung:

Tröglitz istkein Einzelfall

Von SZ-KorrespondentHagen Strauß

Erst tritt der Bürgermeister aus Angst vor rechter Gewalt zurück. Dann geht das geplante Flüchtlingsheim in Flammen auf - und nun erhält der Landrat Morddrohungen. Da muss die Frage erlaubt sein, wann die Behörden eigentlich aus ihrem Osterschlaf erwachen wollen. Denn bisher scheint man in Sachsen-Anhalt lieber auf die beschämenden Ereignisse zu reagieren als vorbeugend zu agieren.

Der Kampf gegen Rechts muss verstärkt werden. Dazu rufen nun also alle Politiker auf. Wenn aber jene, die sich engagieren, immer wieder neu für ihre Projekte kämpfen müssen, klingen solche Sätze wie Hohn. Die Politik hat es versäumt, auf die Probleme durch den Zustrom von Flüchtlingen entsprechend zu reagieren. Das ist Fakt. Zusätzliche Hilfen hat die Regierung erst locker gemacht, als vielen Kommunen die Schwierigkeiten bereits über den Kopf gewachsen waren. Deshalb ist Tröglitz auch kein Einzelfall. Aber: Tröglitz steht jetzt nicht nur für die hässliche Seite dessen, was Menschen widerfahren kann, die sich für Flüchtlinge einsetzen. Dass viele Bewohner sich zugleich gegen die braune Hetze stemmen, verlangt einem Respekt ab. Sich zu solidarisieren und dies konkret zu zeigen, ist weitaus wichtiger als die politischen Plattitüden, die man jetzt reichlich hören kann.

Zum Thema:

Hintergrund Schon zweimal brannten in Deutschland zuletzt fast bezugsfertige Flüchtlingsheime. Im fränkischen Vorra steckten mutmaßlich rechtsextreme Täter am 12. Dezember einen umgebauten Gasthof samt Scheune sowie ein frisch renoviertes Wohnhaus in Brand. Auf ein Nebengebäude sprühten sie Hakenkreuze. In Escheburg bei Lübeck brach am 9. Februar Feuer in einer Unterkunft aus, in die irakische Flüchtlinge einziehen sollten. Ein Nachbar hat die Tat gestanden. Er wollte verhindern, dass dort Flüchtlinge unterkommen. Der Prozess gegen den 38-jährigen Finanzbeamten soll im Mai beginnen. dpa

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