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Die Vize-Kandidaten Pence und Harris boten eine geordnetere Debatte

TV-Duell der US-Vizekandidaten : Zivilisierte Debatte, weltanschauliche Gräben

Nach dem chaotischen TV-Duell von Trump und Biden boten die Vize-Kandidaten Pence und Harris einen geordneteren Diskurs. In der Sache griffen sie sich hart an.

Für ein paar Minuten sieht es tatsächlich so aus, als sollten sich Kamala Harris und Mike Pence in Salt Lake City ein Duell für die Geschichtsbücher liefern. Eines, an das man noch lange zurückdenken würde. Harris, Tochter einer Krebsforscherin aus Indien und eines Ökonomen aus Jamaika, die erste Frau mit dunkler Haut, die für das zweithöchste Amt im Staat kandidiert, bläst sofort zur Offensive. „Das amerikanische Volk ist Zeuge des größten Versagens einer Regierung in der Geschichte unseres Landes geworden“, sagt sie über das Corona-Krisenmanagement. Dabei hätten Trump und Pence bereits Ende Januar gewusst, wie gefährlich das Virus sei. „Und sie haben es Ihnen nicht gesagt“, schiebt sie, direkt ans Publikum gewandt, hinterher. „Sie wussten es, und sie haben es verschleiert.“ Deshalb hätten beide das Recht verwirkt, wiedergewählt zu werden.

Pence versucht der Kritik die Spitze zu nehmen, indem er wiederholt, womit sich sein Chef schon seit Monaten aus der Affäre zu ziehen sucht. Zum einen, führt er an, habe Trump sehr früh das Richtige getan und noch im Januar ein Einreiseverbot aus China verfügt. Biden habe das damals abgelehnt und von Fremdenfeindlichkeit gesprochen. Zum anderen sei es dem Präsidenten gelungen, die „größte Mobilisierung seit dem Zweiten Weltkrieg“ zu organisieren. Wer den Kraftakt nicht zu schätzen wisse, gibt er zu verstehen, der wisse die Leistung der Amerikaner insgesamt nicht zu würdigen. Darauf Harris unter Verweis auf 210 000 Corona-Tote zwischen Seattle und Miami: „Was immer die Regierung angeblich getan hat, es hat offensichtlich nicht funktioniert.“

 Mike Pence, Vizepräsident der USA, redet während der TV-Vizepräsidentschaftsdebatte mit der demokratischen Vizepräsidentschaftskandidatin Kamala Harris in Kingsbury Hall auf dem Campus der Universität von Utah. Foto: Patrick Semansky/AP/dpa
Mike Pence, Vizepräsident der USA, redet während der TV-Vizepräsidentschaftsdebatte mit der demokratischen Vizepräsidentschaftskandidatin Kamala Harris in Kingsbury Hall auf dem Campus der Universität von Utah. Foto: Patrick Semansky/AP/dpa Foto: dpa/Patrick Semansky

Es folgt ein Disput, der illustriert, was für weltanschauliche Gräben zwischen Republikanern und Demokraten liegen. Pence spricht von der Freiheit, in deren Interesse man den Leuten schon zutrauen müsse, die richtigen Entscheidungen zu treffen, während die Demokraten sie mit Verboten und Zwang bloß gängeln wollten. „Sie respektieren das amerikanische Volk, indem Sie ihm die Wahrheit sagen“, kontert Harris. Während er einen Impfstoff bis Jahresende in Aussicht stellt, warnt sie vor wahlpolitisch motivierten Abkürzungen. „Wenn die Ärzte uns sagen, wir sollen das Vakzin nehmen, bin ich die Erste, die es nimmt. Wenn Donald Trump sagt, wir sollen es nehmen, nehme ich es nicht.“ So hart es inhaltlich zur Sache geht, halten sich jedoch beide an die Etikette der Höflichkeit. Trump hatte Biden bei der Premiere ein chaotisches Duell aufgezwungen, das in wüste Beschimpfungen ausartete. Durch zwei Plexiglasscheiben voneinander getrennt, zeigen Pence und Harris, dass es halbwegs geordnet und zivilisiert zugehen kann. Der Ex-Gouverneur Indianas ist mit seiner steif wirkenden Art ohnehin kein Typ, der sich leicht aus der Ruhe bringen ließe. Seine Kontrahentin begleitet etliche ihrer Sätze mit einem Lächeln, auch dann, erst recht dann, wenn sie sich verbittet, unterbrochen zu werden: „Herr Vizepräsident, jetzt rede ich.“

Viel mehr dürfte, abgesehen von dem furiosen Start, nicht im Gedächtnis haften bleiben. Dazu halten sich beide zu routiniert an altbekannte Argumente. Einmal mehr versucht Pence das Duo Biden/Harris, beide in der Mitte ihrer Partei zu verorten, in die Nähe der „radikalen Linken“ zu rücken. Einmal mehr warnt er vor Steuererhöhungsorgien. Umgekehrt betont Harris einmal mehr, dass unter einem Präsidenten Biden niemand, der weniger als 400 000 Dollar im Jahr verdiene, höhere Steuern zu zahlen habe. Und einmal mehr wirft sie Trump/Pence vor, das Vertrauen der Verbündeten verspielt zu haben. Nur dass sie es diesmal noch zuspitzt, indem sie aus einer Studie des Pew-Instituts zitiert, wonach der Chinese Xi Jinping bei manchen europäischen Alliierten inzwischen mehr Respekt genießt als der Amerikaner Donald Trump.