Die Terrorgefahr in Deutschland wächst

Berlin · Hunderte Deutsche kämpfen derzeit für den IS oder Al Qaida – nicht nur in Syrien und im Irak. Auch in Deutschland sind Terror-Sympathisanten unterwegs. Und ihre Zahl wächst, warnen Experten.

Mit der Festnahme des Terror-Paars von Oberursel konnte wohl in letzter Minute ein Anschlag verhindert werden. Die Gefahr in Deutschland ist aber nicht gebannt. Im Gegenteil: Bei einer Fachkonferenz gestern in Berlin zeichneten die Sicherheitsdienste das Bild einer stetig wachsenden Bedrohung. Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen sagte, die Terroristen würden einen Anschlag begehen, wenn sie dazu eine Chance hätten. "Der Scheitelpunkt ist noch nicht erreicht."

Aus drei Richtungen kommt aktuell die Gefahr, schilderten Maaßen und Innenminister Thomas de Maizière (CDU ). Zum einen von rückkehrenden IS-Kämpfern. 680 Deutsche sind zu den Terroristen nach Syrien und in den Irak gereist, die Zahl nimmt immer noch zu. 85 sind dort gestorben. Wer zurückkehrt, gilt in der Szene als Held, unterliegt also einem gewissen Erwartungsdruck. Er ist zudem meist verroht und im Umgang mit Waffen, auch schweren, vertraut. Maaßen sprach dem IS eine regelrechte "Magnetwirkung" zu. Das Zweite sind die hier lebenden Unterstützer der Szene. Über 1000 Leute in Deutschland, viele davon aus Salafisten-Kreisen, gelten laut de Maiziere als "terroristisches Personenpotenzial", 270 konkret als Gefährder, die engmaschig überwacht werden müssen. Und täglich kommen laut Maaßen gegenwärtig zwei bis drei Gefährder dazu. Aus diesem Personenkreis können auch Einzeltäter wie das Oberurseler Paar kommen. Die dritte Gefahr geht von Kommandos aus, die IS oder Al Qaida für Anschläge rekrutieren und auf den Weg nach Europa schicken könnten. Auch der Chef des Bundeskriminalamtes, Holger Münch, sprach von einer wachsenden Bedrohungslage. "Wir werden uns wohl die nächsten Jahre damit noch beschäftigen müssen." Was tun? Auffällig stark wurde von den Chefs der Geheimdienste die Notwendigkeit der internationalen Zusammenarbeit hervorgehoben. Die aktuelle BND-Affäre spielte bei diesen Äußerungen eine Rolle. BND-Chef Gerhard Schindler sagte: "Die mediale stückweise Zerlegung eines Nachrichtendienstes beschädigt die Zusammenarbeit mit anderen Diensten." Auch de Maizière, der eine "umfangreiche Aufklärung" versprach, forderte, die internationale Zusammenarbeit dürfe nicht gefährdet werden.

Es gibt aber auch Möglichkeiten der Prävention im Inland. Weil die Szene vor allem über das Internet kommuniziert, versuchen Länder wie Dänemark und Großbritannien dort aktiv zu sein. Gerade die Engländer haben gute Erfahrungen gemacht. Über 80 000 Mal wurden islamistische Einträge auf Betreiben des Geheimdienstes aus sozialen Netzwerken entfernt; zugleich wurde von islamischen Organisationen eine Gegenpropaganda gegen den IS auf die Beine gestellt, die mehr Follower hat als die Islamisten selbst. England ist in Westeuropa derzeit das einzige Land, in dem die Zahl der Sympathisanten für die Dschihadisten nicht steigt, sagte de Maizière.

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