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Die PräsidentenmacherComeback für Barack Obama

Die PräsidentenmacherComeback für Barack Obama

Mahoning Valley. Früh im Morgengrauen schließt Earl Ross (38) den Hintereingang auf, macht das Licht in der Küche an und begibt sich an die Arbeit. Kurz darauf treffen Schwester, Mutter und Tante ein, die mit dem zupackenden Besitzer von "Ross Food's" in den vergangenen 15 Jahren durch gute und schlechte Zeiten gegangen sind

Mahoning Valley. Früh im Morgengrauen schließt Earl Ross (38) den Hintereingang auf, macht das Licht in der Küche an und begibt sich an die Arbeit. Kurz darauf treffen Schwester, Mutter und Tante ein, die mit dem zupackenden Besitzer von "Ross Food's" in den vergangenen 15 Jahren durch gute und schlechte Zeiten gegangen sind. "Zurzeit läuft es blendend", verrät Earl, während er mit kräftigem Schlag Hühnerfleisch weich klopft. Rund dreiviertel seines Geschäfts hängen von den Arbeitern ab, die im nahen General Motors-Werk von Lordstown den "Cruze" herstellen, ein Kompaktwagen, der seit Monaten die Liste Amerikas bestverkaufter Autos anführt. Zuletzt mehr als 26 000 Stück im September."Ohne die Autorettung gäbe es uns hier nicht mehr", räumt Ross unumwunden ein, der vor zwei Jahren seinem Tante-Emma-Laden einen Thekenraum hinzufügte. Kurz vor 7 Uhr strömen die Nachtarbeiter in die Bar, um den Tag bei Bier und Bingo ausklingen zu lassen. Die meisten leben im "Mahoning Valley", das einstmals Heimat des amerikanischen Traums war. Die Arbeit in der Schwerindustrie brachte sicheres Einkommen, Zugang zu Bildung und Krankenversicherung und eine der höchsten Hausbesitzer-Quoten in den USA.

Als am "schwarzen Montag" 1977 die Stahlwerke ihre Tore schlossen, begann der lange Niedergang einer Region, in der bis zu 30 Prozent reale Arbeitslosigkeit herrschte. Seit 2000 verlor Ohio mehr als 368 000 Arbeitsplätze im verarbeitendem Gewerbe. General Motors war in diesen Jahren der Rettungsanker. Entsprechend groß war der Schock, als GM das Werk in Lordstown Ende 2008 vorübergehend schließen musste. Sherry Grant (52) erinnert sich noch genau. "Es gab eine Riesenangst." Die Stimmung hellte sich erst wieder auf, als Präsident Barack Obama versprach, die Autobauer mit Milliarden zu retten. Als Vizepräsident Joe Biden Ende August nach Lordstown kam, bedankte Grant sich persönlich für die Hilfe. Auch der Bürgermeister der 3500-Seelengemeinde, Andrew Hills, wollte Biden die Hand schütteln. Doch keiner im Gewerkschaftshaus der "United Auto Workers" (UAW), die zur Kundgebung eingeladen hatten, stellte den Republikaner vor. Hill hatte sich wie Mitt Romney gegen Obamas Autorettung ausgesprochen. "Ich bin davon überzeugt, dass dieses Werk auch ohne das Geld aus Washington überlebt hätte."

So sehen es auch andere Bewohner hier, die von den Konjunktur-Milliarden und der Autorettung profitierten, aber Romney wählen wollen. Zum Beispiel Kim Butler (62), der Dank der Hilfe aus Washington seine Pension und Krankenversicherung von GM behalten konnte, als er in Frührente ging. Das half ihm, die neun Jahre zu überbrücken, bis er Leistungen aus dem staatlichen Alterssicherungs-System erhält. Obwohl er vom Staat lebt, sorgt sich Butler am meisten, "dass wir ein sozialistisches Land werden".

John Greene, Politologe an der Akron Universität von Ohio, meint, hinter Ansichten wie diesen versteckten sich Vorbehalte, die ein Teil der weißen Arbeiterschaft gegen den schwarzen Präsidenten hege. Er glaubt aber nicht, dass ethnische und kulturelle Ressentiments diesmal den Ausschlag geben. "Wir haben die ungewöhnliche Situation, dass es Ohio besser geht als dem Rest der Nation." Das läge auch an der Autorettung. Immerhin hängt einer von acht Arbeitsplätzen von der Branche ab, die in 80 von 82 Wahlbezirken des Bundesstaates präsent ist.

Die Arbeitslosigkeit liegt mit 7,2 Prozent unter dem nationalen Durchschnitt, der Häusermarkt hat sich stabilisiert und die Öl- und Gas-Förderung hat einen unerwarteten Geldsegen gebracht. "Das hilft Obama", so Greene. Romney dagegen habe das Problem, "eine komplexe Wahlkampfbotschaft formulieren zu müssen." Wie kompliziert die Angelegenheit ist, erlebte Chris Christie, als er im Stadtgarten von Lordstown vor ein paar Dutzend Romney-Anhängern sprach. Das düstere Bild des Gouverneurs aus New Jersey passt nicht zu den Befindlichkeiten im "Valley", das erstmals seit Jahren wieder mit Optimismus nach vorn schaut.

"Für Arbeiter ist die Entscheidung diesmal klar", frohlockt David Green, Präsident des Lokals 1714 der Autogewerkschaft UAW in Lordstown. "Der Präsident hat unseren Hintern gerettet." Und das nicht nur bei GM. Die rund achtzehn Milliarden Dollar aus dem Konjunkturprogramm, die nach Ohio flossen, halfen, den Wandel vom Rost- zum Technologiegürtel voranzubringen.

"Ross Food's" an der Landstraße 45 steht exemplarisch dafür. Als das GM-Werk seine Produktion Ende 2008 auf eine Schicht zurückfuhr, musste Besitzer Earl Mitarbeiter entlassen. Heute beschäftigt er fünfzehn Angestellte plus seine Familie. Der amerikanische Traum ist für ihn wieder greifbar geworden. "Ich bin von meiner Wohnung in ein Haus mit Pool umgezogen, habe einen zweiten Hund und hoffe, bald Vater zu werden." New York. Diesmal dauerte es keine Minute, ehe der Präsident beim Bürgerforum an der Hofstra-Universität in New York zum ersten Schlag gegen seinen Herausforderer ausholte. "Gouverneur Romney hat keinen Fünf-Punkte-Plan", griff er den Republikaner an. "Er hat einen Einpunkteplan: Die Reichen sollen mehr Steuererleichterungen bekommen." So geht es weiter. Aggressiv in der ersten Viertelstunde. Dann mit ruhigerem Ton, aber genauso hart in der Sache über die restlichen 75 Minuten.

Die Amerikaner erlebten einen verwandelten Barack Obama. Statt nach unten zu schauen fixierte er seinen Gegner wie ein Boxer. Einmal stehen sich die beiden Kontrahenten in der Mitte des Raums direkt gegenüber. "Das ist nicht wahr, was der Gouverneur sagt", sagt Obama. Eine Formulierung, die er im Duell acht Mal wiederholt.

Während die Höhenluft von Denver den Präsidenten in der ersten Debatte in den Tiefschlaf fallen ließ, bekam Mitt Romney die Meeresbrise auf Long Island offenkundig nicht. Je länger der Schlagabtausch dauerte, desto mitgenommener sah er aus. Er schwitzte, bebte, ging mit angeschwollenen Adern auf Obama und die souveräne Moderatorin Candy Crowley los, die den Herausforderer wiederholt zur Ordnung rufen musste.

Der Herausforderer verlor, weil er patzte. Drei Mal. Statt die Frage einer jungen Frau nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit konkret zu beantworten, schwadronierte Romney über seine Zeit als Gouverneur von Massachusetts. Damals habe er eine Reihe an Organisationen gebeten, "geeignete Frauen" für sein Kabinett zu finden. "Sie brachten uns Aktenordner voll mit Frauen." Damit machte er sich zur Lachnummer im Web. Binnen Minuten spotteten Millionen Nutzer über Romneys "Aktenordner voll mit Frauen".

Der zweite Patzer ging als Rosengarten-Moment in die Geschichte der Wahldebatten ein. Romney hielt dem Präsidenten vor, statt zu führen sei er am Tag nach dem Anschlag von Bengasi zu einer Spendengala nach Las Vegas gereist. Obama weist das als falsch zurück. In einer Rede im Rosengarten habe er von einem "Akt des Terrors" gesprochen. Romney dachte, er hat Obama in der Falle. "Das haben sie nicht gesagt." 14 Tage seien verstrichen. "Er hat es in der Tat gesagt, Sir", erklärte Moderatorin Crowley. Obama nahm die Bestätigung mit Genugtuung auf.

Von diesem Zeitpunkt an lief nichts mehr nach Plan. Am Ende legte Romney Obama den Ball auf den Elfmeterpunkt. "Ich kümmere mich um 100 Prozent der Amerikaner", rief er völlig unvermittelt seine Bemerkungen in Erinnerung, in denen er die Hälfte der Amerikaner als Kostgänger des Staates verunglimpfte. "Ich glaube, Romney ist eine nette Person", setzte der Präsident an. "Aber er bezeichnete 47 Prozent der Amerikaner als Opfer - was glauben Sie, über wen er da sprach?" Ein K.o.-Schlag in letzter Minute. Romney darf nicht mehr antworten.

Die Kommentatoren waren sich einig: Obama hat Romneys Höhenflug gestoppt und sich für die dritte Debatte am Montag in eine sehr gute Position gebracht. Auch die Instant-Umfragen sehen Obama als Sieger von New York. Bei CNN lag Obama mit 46 zu 39 Prozent vorn. In der Erhebung unter Unentschiedenen bei CBS führte er mit 37 Prozent über Romney, der auf 30 Prozent kam.

Hintergrund

Ohne Ohio führt kein Weg ins Weiße Haus. Zumindest nicht an den 18 Wahlmännerstimmen des Bundesstaates vorbei. Seit 1960 sind die Stimmen der Bürger Ohios immer entscheidend für die Wahl des Präsidenten. Dies läge an der ökonomischen, religiösen und kulturellen Vielfalt des Staates, meinen Experten wie der Politologe John Green. Er sagt: "Wenn Sie die USA zusammenschrumpfen, kommt Ohio dabei heraus." Das Problem Mitt Romneys ist: Für Barack Obama sieht's derzeit gut aus in Ohio, denn die Arbeitslosigkeit liegt mit 7,2 Prozent unter dem US-Durchschnitt. Was nicht zuletzt an der Rettung der Autoindustrie liegt. In den von Real Clear Politics ermittelten Durchschnittswerten liegt der Präsident folglich auch mit 2,2 Prozent vorn. sp