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Die Politik spaltet Polen

Die Politik spaltet Polen

Bei der Parlamentswahl in Polen gewinnt die national-klerikale PiS um Jaroslaw Kaczynski. Sie erhält ersten Prognosen zufolge mehr als 39 Prozent der Stimmen. Der Urnengang macht eine Spaltung des Landes deutlich.

"PiS? Wir sind doch nicht verrückt. Nie und nimmer!" Piotr Jablonski nimmt seine Schiebermütze ab, fängt an, wild zu gestikulieren. Regentropfen fallen auf seine Stirn. "Keine Ahnung, wer die Märchen glaubt, die diese klerikalen Amokläufer einem auf die Nase binden wollen. Keine Ahnung, wie sie all das, was sie versprechen, bezahlen wollen. Nein, wir wollen nicht zurück in das Dunkel, aus dem wir in den letzten acht Jahren wieder herausgekrochen sind - mit der PO." Für den 62-jährigen Elektriker ist die Sache hier in der Danziger Altstadt ganz klar. "Die PO muss weitermachen, auch wenn sie sich einige Fehler erlaubt hat."

PO und PiS, das sind die zwei Geister, an denen sich das Land auch bei der Parlamentswahl scheidet - und eine Teilung, die vergessen schien, wieder offenlegen. Polen A, westlich der Weichsel, lebt vom Aufschwung , Polen B, östlich der Weichsel, stagniert. Zugegeben, das ist arg vereinfacht, und doch zeigte sich bereits bei der Präsidentschaftswahl in diesem Frühjahr diese vermaledeite Linie, die das Land spaltet - in Anhänger der liberal-konservativen Bürgerplattform (PO) und der national-konservativen Partei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS), angeführt vom unermüdlich zürnenden Jaroslaw Kaczynski .

Danzig (Gdansk), dieses Ostseejuwel, von dem einst der Geist der Freiheit weit hinein wehte in die kommunistische Welt, liegt in Polen A. Und zumindest hier, in der "Grundschule Emilia Plater", dem Wahllokal Nummer 39, wo Sieger-Pokale von Tanz- und Tenniswettbewerben sich in der Glasvitrine aneinanderreihen und drei Tische zu Wahlkabinen umfunktioniert wurden, scheinen sich bei der Stimmabgabe viele einig zu sein. "Die PiS darf nicht an die Macht kommen." Das sagt der 37-jährige Anwalt Mariusz wie auch die 85-jährige Rentnerin Teresa, das meint die schwangere Ola, aber auch die gestresste Izabela. "Mit der PiS wird Polen untergehen, wird unser Land in Europa wieder unwillkommen sein", glaubt Mariusz.

Am Ende des Tages aber wird der Wechsel kommen. Er bricht herein mit mehr als 39 Prozent für PiS, so besagen es die ersten Prognosen. Selbst die Danziger vom Wahllokal 39 hatten - so wie die Umfragen der vergangenen Wochen es deutlich machten - einen ähnlichen Ausgang erwartet. Für PO stimmten etwa 23 Prozent. Die PiS dürfte mit Beata Szydlo auch die neue Ministerpräsidentin stellen.

Seit Andrzej Duda seinen kometenhaften Aufstieg vom Hinterbänkler bis zum Präsidenten des Landes schaffte, ist Polen B auf dem Vormarsch. Szydlo, die Ex-Bürgermeisterin aus dem schlesischen Kohlerevier, soll diesen Erfolg, hinter dem vor allem Kaczynski steckt, vervollständigen. Einen wird sie Polen kaum. Die Wähler beider Parteien verachten die jeweils andere Seite, wenn sie sich nicht gleich hassen. Aus der Sicht der PO sind die PiS-Wähler beschränkt und nationalistisch, aus der Sicht der PiS sind die PO-Wähler konsumistische Lakaien der EU. Das ununterbrochene Wachstum, das das liberale Regierungslager den Polen trotz Weltfinanzkrise beschert hatte, kommt nicht bei allen an. Vor allem hatte es der Aufschwung bislang wenig in den Osten des Landes geschafft, traditionell PiS-Region. Dort, wo zwar die Vorgärten sauber gepflegt und die Felder dank EU-Geldern bestellt sind, herrscht Frust und Resignation. Man schimpft auf die arroganten Warschauer, die vermeintlich nichts von den Sorgen und Ängsten der Bauern und Arbeiter verstehen. Die euro-skeptische und xenophobe PiS bedient diese Ängste - und scheint zurück an der Macht zu sein.