Die Neue ist der Mann im Team

Die Neue ist der Mann im Team

Saarbrücken. Sie lebt in einem Haus ohne Gardinen. Wie lange noch? Jetzt schon winken ihr im Globus Ensdorf die Bäckerei-Verkäuferinnen zu, und in der Dillinger Zahnarzt-Praxis ihres Mannes erscheinen Patienten mit Autogramm-Wünschen - Monate, bevor das neue saarländische "Tatort"-Duo überhaupt auf dem Bildschirm aufgetaucht ist

Saarbrücken. Sie lebt in einem Haus ohne Gardinen. Wie lange noch? Jetzt schon winken ihr im Globus Ensdorf die Bäckerei-Verkäuferinnen zu, und in der Dillinger Zahnarzt-Praxis ihres Mannes erscheinen Patienten mit Autogramm-Wünschen - Monate, bevor das neue saarländische "Tatort"-Duo überhaupt auf dem Bildschirm aufgetaucht ist. Läppische 40 "Tatort"-Drehtage, und das Leben hat einen anderen Takt. Seit Sommer stemmt sich Elisabeth Brück (40) gegen die erste Druckwelle an Aufmerksamkeit und quält sich mit dem rechten Maß an Übervorsicht und Leutseligkeit gegenüber den Medien. "Lasst mich doch erst mal meine Job machen!", ruft sie den Journalisten zu. Bescheidenheit ist ihre Zier? Auf jeden Fall Bodenhaftung.Die in Saarlouis geborene Brück - seit dem 17. Lebensjahr mit demselben Mann zusammen - schildert sich als typisches saarländisches Mädel, als einen Gute-Laune-Menschen ("Ich bin innerlich ein Sonnenschein"). Der Rummel um ihre Person löst einen Abwehr-Reflex aus. Sie will sich das Blitzlichtgewitter erst mal verdienen. Muss sie nicht, so wie sie aussieht. Brück hätte auch das Zeug zum Vamp. Ein "Leinwandgesicht" nennt sie der beim SR für den "Tatort" zuständige Redakteur Christian Bauer. "Sie muss nicht viel sagen, bei ihr genügt ein Blick." Kommissarin Lisa Marx wird denn auch gar nicht so viel Text haben, stattdessen viel Körpereinsatz zeigen, Kampfsport-Kunststückchen hinlegen und halsbrecherische Manöver mit einer KTM-Maschine fahren. Für die sportliche, stramme Brück, die auch privat gerne Motorrad fährt, kein Problem.

"Sie ist der Mann im Team", sagt Bauer. Analytisch, verschlossen, cool, ein Kontrastmodell zur Sexy-Hexy-Nummer der (mittlerweile ausgeschiedenen) Frankfurter Ermittlerin Nina Kunzendorf. "Man wird von Lisa Marx nur selten Haut sehen", sagt Bauer. Brück gefällt, dass die Marx "keine Privatprobleme mit auf die Arbeit" bringt. Denn sie kann nicht viel anfangen mit der "Tatort"-Masche, möglichst viele intime Details aus dem Leben der Kommissare auszubreiten: "Man will doch hauptsächlich sehen, wie ein Fall gelöst wird."

Wie kam es zu ihrem Engagement? Beim Saarbrücker Max-Ophüls-Festival hat Brück für Kollegen als Agentin Kontakte auch mit dem SR angebahnt. "Die haben sich wohl gefragt, was ist das für ein Powerpäckchen?", meint Brück. Das trifft's. Sie ist eine spezielle Mischung aus Extrovertiertheit und Emphase, eine lebhafte, von Innen strahlende Person, die häufig über Unterstützung für Kollegen spricht. Die sollen jetzt "was abkriegen vom Kuchen". Man liest von Gagen bis zu 120 000 Euro für die Kommissare pro Folge. Doch darüber redet man mit den Darstellern nicht. "Tatorte" sind nun mal vermintes Gebiet, für den SR ganz besonders, seit der Sender für die Trennung vom Vorgänger-Ermittler-Duo Kappel/Deininger bundesweit Haue und Häme bezog. Zudem machen Quoten von bis zu zehn Millionen Zuschauern die Reihe zu einer Reliquie der ARD. Die Besetzung der Teams gilt als hohe Politik. Schließlich bestimmen "Tatorte" das Bild eines Bundeslandes. Gerade wird über eine Promi-Welle von Til Schweiger bis Ulrich Tukur die bisherige Kommissar-Riege umgewälzt. Der SR steuert zwar mit Devid Striesow ebenfalls ein bekanntes Gesicht bei, doch Brück ist das überraschende Gegen-Modell, ein Hingucker.

Sie möchte was klar stellen: "Ich komme nicht aus dem Nichts." Seit über zwölf Jahren hat Brück viel geackert und genetworkt, war als Schauspielerin, Film- und Theatermacherin und als Casting-Trainerin im Saarland und in Luxemburg fleißig und kreativ, arbeitet als Dozentin in der Saarbrücker Schauspielschule "acting and arts". Doch selbst SR-Intendant Thomas Kleist stellte die Neue als "ein noch relativ unbekanntes saarländisches Eigengewächs mit großem Potenzial" vor. Dabei könnte Brück mit Filmpartnern wie Isabelle Huppert und Ingrid Caven angeben oder mit der internationalen Produktion "Deepfrozen" des Luxemburger Filmemachers Andy Bausch. Doch sie sagt: "Name-Dropping geht mir auf den Keks." Stattdessen hat sie die regionalen Presseberichte der Vor-"Tatort"-Ära um sich ausgebreitet: Artikel über das von ihr organisierte "Theater im Tunnel" im Velsener Erlebnisbergwerk und über ihre Benefiz-Reihe "Plätzchen für die Seele" im Saarbrücker Theater im Viertel.

Gerade hat sie am St. Johanner Markt zusammen mit einer Musikerin und einem Fotografen eine Studio- und Bürogemeinschaft gegründet, den "Art Room". Wir treffen uns dort. Wird die Lederjacken tragende Schöne mit strengem Pferdeschwanz - Lisa Marx also - die Tür öffnen? Zumindest äußerlich scheinen die beiden Frauen geklont. Aber es gilt: "Jeder, der mich kennt, denkt: Wer ist die fremde Frau da auf dem Bildschirm?" An ihr sei alles "Natur", sagt Brück. Zum Beweis hat sie ein Kinder-Foto mitgebracht: "Schon mit fünf Jahren hatte ich rote Locken und die aufgespritzten Botox-Lippen." Heute kann sie Scherze machen, damals fand sie das nicht lustig.

Brück spielt dem Gast eine sehr elegische, sehr anrührende Klavier-Komposition vor - die Melodie zu ihrem eigenen Kurzfilm "Kohlenherz" über das Bergbau-Ende, der womöglich bald ein Musical wird. Und schließlich rezitiert sie mit großer Inbrunst Hölderlin und Rilke-Gedichte. Brück lässt keinen Zweifel daran, dass Lisa Marx weder Ziel- noch Endpunkt ihrer künstlerischen Laufbahn war und ist. Trotzdem fühlt sie sich an einem "Scheideweg": "Das Leben hat mir dieses Zuckerstückchen gegeben. Ich muss mich wohl entscheiden, ob ich jetzt konsequent in Richtung Schauspielerei weiter gehe." Ohne abzuheben, denn: "Es gibt keine Stars, Sterne gibt es nur am Himmel." In diesem Sinn nahm sie auch den Wettbewerb mit Striesow locker. Der sei nicht nur ein "großer Schauspieler, sondern auch ein echter Mensch", meint Brück und hat noch eine Weisheit auf Lager: "Die Größe eines Menschen ist seine Menschlichkeit." Es wirkt fast so, als sei dies ihr größter Ehrgeiz.

Hintergrund

Der erste SR-Tatort mit Elisabeth Brück und Devid Striesow ("Melinda") wird am 27. Januar ausgestrahlt. Kommissar Stellbrink trifft im Baumarkt auf ein elternloses arabisches Mädchen und gerät in eine brenzlige Verfolgungsjagd. Es folgt eine Geschichte aus dem Rockermilieu ("Ende der Straße"), eine Art Western. Laut SR-Redakteur Christian Bauer wird diese Folge "zur Abwechslung mal die schönsten Ecken des Saarlandes" präsentieren. Beide Tatorte wurden im Sommer abgedreht und werden 2013 gezeigt. Der Sender favorisiert eine Ausstrahlung in kurzem Abstand, um das neue Team nachhaltig einzuführen. Auch ein dritter Tatort mit der neuen Besetzung sei vertraglich fest und werde 2013 produziert. Bauer deutet an, dass es zukünftig auch zwei "Tatorte" pro Jahr aus dem Saarland geben könnte.

Die Kommissare Lisa Marx (Elisabeth Brück) und Jens Stellbrink (Devid Striesow) des Saar-"Tatorts".

Elisabeth Brück (verheiratet, keine Kinder) hat vor ihrer Schauspielausbildung, die sie mit 28 Jahren begann, als Schauwerbegestalterin gearbeitet, zunächst bei Piper in Saarlouis. Dort wurde sie von Zara/H&M entdeckt, war eine "Business-Frau". Ihre Schauspielausbildung hat Brück am "Conservatorium de la ville Luxembourg" absolviert, sie spricht fließend Französisch. Zusätzlich besuchte sie eine Masterclass in Los Angeles. ce