Die Marathon-Frau

Ukraine, Flüchtlinge, Griechenland: Kanzlerin Merkel hat ein Jahr der extremen Entscheidungen hinter sich. Nicht selten wird Politik inzwischen spät in der Nacht gemacht. Oft zählt Merkel dann zu den Gewinnern. Was hat sie, was andere nicht haben?

Man muss Angela Merkel nicht mögen. Aber eines kann man ihr sicher nicht vorwerfen: Dass sie zu oft die Beine hochlegt. Urlaubsbilder wie aus den Schweizer Alpen, die gestern eine Boulevard-Zeitung abdruckte, sind eine Rarität. Weil Urlaub eine Rarität ist im Leben der 61-Jährigen. Das Gipfeltreffen mit ihrem Mann Joachim Sauer war eine seltene Abwechslung zu den zahllosen Krisengipfeln, die das Jahr prägten.

Besonders hart war es im Februar: Kiew, Berlin, Moskau, München, wieder Berlin, dann Washington und Ottawa, erneut Berlin, schließlich Minsk und Brüssel. In einer Woche einmal um die Welt - so viele Flugmeilen schaffen manche in einem ganzen Leben nicht. Und in Minsk stand keine nette Stadtbesichtigung auf dem Programm, sondern ein 17-stündiger Verhandlungsmarathon über einen Waffenstillstand in der Ukraine. Solche Marathonsitzungen sind zu einem Symbol unserer krisenhaften Zeit geworden. Bereits im Juli rang Merkel in der Griechenland-Krise erneut 17 Stunden lang um Lösungen. Zwar gehören lange Sitzungen für Politiker schon immer dazu, heute aber wird die Belastung durch die mediale Aufmerksamkeit viel stärker sichtbar. Wie schaffen Merkel und die anderen das alles, ohne sich groß auszuruhen?

Denn gesund ist das alles nicht. Der permanente Schlafentzug schadet dem Körper, vor allem dem Herzen. Manche Forscher gehen gar davon aus, dass Schlafmangel die Lebenserwartung mindert. Zudem macht uns wenig Schlaf quasi zu Besoffenen - nach 17 Stunden Wachsein ist das Reaktionsvermögen so mies, als hätten wir ein halbes Promille Alkohol intus. Merkel meidet Alkohol, aus gutem Grund also. Glaubt man der "Bunten", trinkt sie auch selten Kaffee. Dass sie übermäßig sportlich wäre, davon hätte die Nation schon mehr erfahren, allenfalls mit Wandern und Skilanglauf hält sie sich fit. Was also ist das Geheimnis ihrer Ausdauer? Hat sie doch eine Doppelgängerin?

Sie habe in Sachen Schlaf "gewisse kamelartige Fähigkeiten", verriet die Kanzlerin 2013 in einem "Brigitte"-Gespräch: "Ich habe eine gewisse Speicherfähigkeit. Aber dann muss ich mal wieder auftanken." Zugleich ist Merkel offenkundig in der Lage, ihren Akku mit kurzen Nickerchen vollzuladen. Schon Ex-Außenminister Joschka Fischer lobte die Segnungen eines schnellen "Powernap", den er als "erfrischende Dusche" empfand.

Einer Studie zufolge schläft beinahe jeder dritte Politiker in Deutschland maximal fünf Stunden pro Nacht, mehr als 60 Prozent von ihnen sind oft übernächtigt. Merkel scheint eine Robustheit mitzubringen, die sie gegen den Schlafmangel und damit vor Erkältungskrankheiten oder Übergewicht schützt. Was sie unter anderem von Helmut Kohl unterscheidet, der den Dauerstress oft mit deftigem Essen zu kompensieren versuchte.

Merkel ist cleverer. In ihrem Büro steht angeblich immer ein Teller mit Obst. Wird sie hungrig, werden im Kanzleramt rasch leichte Mahlzeiten zubereitet. Auch soll sie ihre Mitarbeiter angewiesen haben, bei Konferenzen die Teller mit den Wurstbrötchen weit weg zu platzieren. Merkel dagegen greift zu Gemüsesticks und hält es damit so ähnlich wie Hillary Clinton : Von der möglichen künftigen US-Präsidentin wird erzählt, dass sie sich mit Chilischoten wachhält. Ist sie deshalb so erfolgreich?

Wissenschaftlich belegt ist, dass lange Wachphasen unsere Entscheidungsfähigkeit einschränken. Der Schlafdruck wird irgendwann so groß, dass man nur noch ins Bett will. Der Physikerin Merkel wird nachgesagt, dass sie die Müdigkeit anderer ausnutzt, um ihren Willen durchzubringen. Dass sie Entscheidungen bewusst verzögert, weil ihre Gesprächspartner nach zehn, 15 oder 17 Stunden eher zu Zugeständnissen bereit sind. Zur Wahrheit gehört aber auch, was Ex-Finanzminister Hans Eichel einmal ausgeplaudert hat. Dass die Nachtsitzungen zum Teil ein Ritual sind, um die Akzeptanz von Kompromissen zu erhöhen: "Dann kann man sagen: Wir haben gekämpft bis zum Umfallen, lange zusammengesessen, das ist das Ergebnis, das möglich war."

Gekämpft hat Angela Merkel 2015, es war ein politischer Marathonlauf mit immer neuen Hürden. Hat sie auch das Beste rausgeholt für das Land? Darüber dürfte es sehr unterschiedliche Meinungen geben.