Die Beschwerden über das Mathe-Abitur 2019 halten bundesweit an. Saar-Minister reagiert.

Heftige Debatte zum Mathe-Abitur 2019 : Rechnung ohne die Schüler gemacht?

Die Beschwerden über das Mathe-Abitur 2019 halten bundesweit an. Im Saarland hat nun auch der Bildungsminister reagiert.

Die Zahl der Unterzeichner steigt minütlich. Am frühen Montagabend sind es bereits fast 4000, Tagesziel: 5000. Es sieht so aus, als ob die Teilnehmer auch diese Marke knacken könnten. Denn nicht nur die Schüler im Saarland sind stinksauer: Auch Eltern, Lehrer und andere Gruppen solidarisieren sich per Online-Petition, 33 Schulen schließen sich an. Der Abiturient Philipp Martini hatte sie wenige Stunden nach der Mathe-Abiturprüfung am Freitag ins Leben gerufen. Der Grund: Die Prüfung sei dieses Mal eindeutig zu schwer gewesen.

Ein Vorwurf, der sich quer durch die Republik zieht. In mehreren Bundesländern haben sich Schüler über den Schwierigkeitsgrad beschwert und mit Online-Petitionen an ihre Kultusministerien gewandt. Neben dem Saarland kamen Beschwerden aus Bayern, Niedersachsen, Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Berlin, Thüringen und Sachsen-Anhalt. Bis Montagabend zählten die Initiatoren etwa 70 000 Mitstreiter. In Bayern und Niedersachsen kündigten die Kultusministerien an, das Mathe-Abitur zu überprüfen. Einer der Hauptkritikpunkte: Die Aufgabenfülle sei zeitlich kaum zu bewältigen gewesen. In einem Brief, den die Landesschülervertretung (LSV) am Montag an Saar-Bildungsminister Ulrich Commerçon (SPD) adressierte, ist die Kritik detailliert aufgeführt. Unter anderem heißt es darin: „Die Struktur der Aufgaben und des Abiturs insgesamt ist massiv von denen der letzten Jahre abgewichen.“ Themen, „die in der Oberstufe ausführlich behandelt werden“, seien nicht vorgekommen. Die Schüler seien auch nicht mit allen Aufgaben aus dem bundesweiten Pool vertraut gewesen. In den Fokus rückte die LSV die erste Abituraufgabe des Grundkurs-Abiturs, die „sehr textlastig“ gewesen sei.

Insgesamt haben im Saarland laut Ministerium etwa 3400 Schüler am Freitag das schriftliche Matheabitur abgelegt – davon 1900 die umstrittene Prüfung im G-Kurs.

Bildungsminister Commerçon reagierte am Montagnachmittag auf die Proteste: „Die Schülerinnen und Schüler können darauf vertrauen, dass die zuständige Korrektorenkonferenz sich ausführlich mit den im diesjährigen Abitur des G- und E-Kurses gestellten Aufgaben beschäftigen und gegebenenfalls angemessene Maßnahmen ergreifen wird, um eine faire Bewertung vorzunehmen“, schrieb der Minister auf SZ-Anfrage. Gleichzeitig appellierte er an die Schüler, sich jetzt auf die anstehenden Prüfungen zu konzentrieren. Die Beschwerden würden bei der Korrektorenkonferenz am Mittwochnachmittag detailliert geprüft und „die anzulegenden Korrektur- und Bewertungsmaßstäbe unter Beachtung der geltenden einheitlichen Bewertungsnormen festgesetzt“. Ein Ergebnis werde für Donnerstag erwartet.

Die Vorsitzende des Saarländischen Lehrerinnen- und Lehrerverbands, Lisa Brausch, kann die Proteste nachvollziehen, auch wenn sie sich mit Urteilen und Kritik aus­drücklich zurückhält. „Es ist auffällig, dass die Prüfungen in den vergangenen Jahren immer wieder Fehler enthielten. Das sind keine Einzelfälle mehr“, sagte Brausch am Montag der SZ. Man müsse sich die Frage stellen, ob die Lehrer, die an den Abiturprüfungen mitwirken, genug Zeit hätten, um diese ordentlich vorzubereiten.

In Deutsch, Mathematik, Englisch und Französisch können und sollen die Lehrkräfte auch Abituraufgaben aus dem bundesweiten Pool der Kultusministerkonferenz verwenden. Brausch fragt sich, ob diese Aufgaben mit den Lehrplänen aller Länder „genügend abgestimmt“ werden, sprich: Sind die Schüler in allen Ländern adäquat auf die Prüfungen vorbereitet? Oder gibt es Aufgaben, die in bestimmten Bundesländern in der Übungsphase zu kurz kommen?

Das saarländische Bildungsministerium weist darauf hin, dass die Abitur­aufgaben von „erfahrenen Lehrkräften“ erstellt würden und dass das Bildungsministerium die Aufgaben im Vorfeld „auf Lehrplankonformität und Angemessenheit“ prüfe. Bislang habe sich kein Lehrer im Saarland wegen des Mathematik-Abiturs 2019 beim Ministerium beschwert.

Und auch sonst hielten sich die Gymnasiallehrer am Montag bedeckt. Der Leiter des Robert-Schuman-Gymnasiums in Saarlouis, Uwe Peters, bat per E-Mail um Verständnis, vor den Korrektorenkonferenzen keine Fragen zum Thema beantworten zu können. Auch der Philologenverband reagierte nicht auf Anfrage. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, mahnte zur Gelassenheit. „Im Internet lässt sich Erregung schnell mobilisieren“, sagte er der „Rhein-Neckar-Zeitung“.

Lehrervertreterin Brausch sieht den „Fehler im System“ jedoch nicht nur auf Seiten der Pädagogen. Die Fragen, die sie aufwirft, reichen noch weiter: „Vielleicht spiegelt die Situation auch wider, dass viele mittlerweile Abitur machen, die dafür nicht geeignet sind.“

So direkt will es Landesschülersprecher Usamah Hammoud nicht auf den Punkt bringen. Aber er betont, dass kein Schüler „einen Anspruch auf ein leichtes Abitur“ habe. Es gehe hier auch nicht darum, Protest als Selbstzweck zu betreiben oder Schüler und Lehrer gegeneinander auszuspielen. Man wolle miteinander reden – und erst einmal das Ergebnis der Lehrerkonferenz abwarten.