1. Nachrichten
  2. Politik

Deutsche Wirtschaftselite schreibt Merkel ab

Deutsche Wirtschaftselite schreibt Merkel ab

Berlin. Der Juni 2011 markiert den Tiefpunkt der Amtszeit von Angela Merkel (Foto: afp). Jedenfalls im Ansehen der wirtschaftlichen und politischen Elite Deutschlands

Berlin. Der Juni 2011 markiert den Tiefpunkt der Amtszeit von Angela Merkel (Foto: afp). Jedenfalls im Ansehen der wirtschaftlichen und politischen Elite Deutschlands. Bei der zwei Mal in jedem Jahr im Auftrag der Zeitschrift "Capital" durchgeführten Befragung von rund 400 Geschäftsführern, Vorstandschefs und Direktoren sowie weiteren rund 130 Ministerpräsidenten, Staatssekretären und hohen Parteifunktionären sagen derzeit 58 Prozent, so viel wie nie, dass die CDU-Chefin eine schwache Kanzlerin ist. Nur 37 Prozent empfinden sie noch als stark. Zum Vergleich: Vor vier Jahren bewunderten noch 85 Prozent der Befragten die Amtsführung der Regierungschefin.Wichtigste Ursache des Einbruchs ist die Energiewende, denn beim letzten Mal, im Dezember 2010, zeigten Pro und Contra noch genau umgekehrte Werte für Merkel. Jetzt aber denken vier Fünftel der Befragten, dass der abrupte Ausstieg aus der Atomkraft die Glaubwürdigkeit der Regierung beschädigt hat. Bei den FDP-Anhängern ist diese Ansicht mit 90 Prozent am verbreitetsten, aber auch unter Unionswählern finden das 76 Prozent. Hinter dem Votum stecken freilich klare Auffassungsunterschiede: Zwei Drittel der Wirtschaftseliten sind anders als die Kanzlerin nicht der Ansicht, dass Fukushima irgendetwas geändert habe. Auch glauben sie nicht, dass der Ersatz von Atomstrom durch erneuerbare Energie ohne größere Schwierigkeit zu bewältigen sei. Vielmehr fürchten sie stark steigende Strompreise. Die befragten Politiker stehen dem neuen Energiekurs hingegen durchweg offener gegenüber.

Drastische Einbrüche gegenüber Dezember 2010 muss die Kanzlerin bei einigen ihr bisher positiv zugeschriebenen persönlichen Eigenschaften hinnehmen. Glaubwürdig finden sie nur noch 18 statt vorher 49 Prozent, politisches Fingerspitzengefühl hat sie lediglich für 29 Prozent (vorher 53 Prozent) der Befragten, und auch beim Verhandlungsgeschick hat sie stark eingebüßt, von 60 auf 39 Prozent. Besonders gefährlich für die schwarz-gelbe Regierung ist die Tatsache, dass die FDP bei der vom Institut für Demoskopie in Allensbach befragten Elite derzeit ebenfalls abgeschrieben ist. 72 Prozent zweifeln, dass der Wechsel an der Führungsspitze die Krise der Liberalen beendet hat, und der FDP-Vorsitzende Philipp Rösler bekommt persönlich ähnlich schlechte Werte wie Merkel: 56 Prozent halten ihn für einen schwachen, nur 32 Prozent für einen starken Parteichef. Kein Wunder, dass in der Gesamtbilanz derzeit 77 Prozent sagen, dass sie von der Arbeit der schwarz-gelben Koalition enttäuscht sind. Und 78 Prozent zweifeln an der Handlungsfähigkeit der Regierung.

Das ist für die Koalition um so schlimmer, als die Sorgen um die Stabilität des Euro auch unter den Wirtschaftskapitänen und politischen Spitzenkräften stark zugenommen haben, von 54 Prozent im Dezember auf 64 Prozent im Juni. Die derzeitige Lage ist für Merkel die "die ungünstigste Situation ihrer gesamten Kanzlerschaft", sagte Allensbach-Chefin Renate Köcher.

Meinung

Jetzt wird's ungemütlich

Von SZ-KorrespondentStefan Vetter

Dass die Sympathien der Bevölkerung für die Bundesregierung im Sinkflug sind, lässt sich seit Monaten an sämtlichen Umfragen ablesen. Dass sich nun auch die Eliten von Schwarz-Gelb abwenden, hat eine neue politische Qualität. Schlimmer kann es für Angela Merkel und ihre Truppe kaum kommen. Schließlich fühlt sich diese Regierung nach eigenem Bekunden der Wirtschaft verpflichtet. Interessant ist freilich, dass die Eliten vor allem wegen der Atompolitik mit der Regierung hadern. Anders als die Führungsspitzen ist eine klare Mehrheit der Bevölkerung für ein rasches Abschalten der Meiler. Elite sein heißt eben nicht unbedingt, immer klüger zu sein als der große Rest der Republik.