Das türkische Militär hat seine Offensive gegen Kurdenmilizen in Nordsyrien fortgesetzt.

Militäroffensive in Nordsyrien : Erdogan bombardiert weiter

Das türkische Militär hat seine Offensive gegen Kurdenmilizen in Nordsyrien fortgesetzt, mehrere Grenzorte stehen unter Beschuss. Was steckt hinter der drastischen Maßnahme? Und was bedeutet sie für die Menschen vor Ort?

Recep Tayyip Erdogan fühlt sich in seinem Weltbild bestätigt: Die Türkei tut das Richtige, doch der Rest der Welt – und besonders der Westen – verleumdet das Land als Aggressor. Keine 24 Stunden nach Beginn der jüngsten Syrien-Intervention seiner Armee teilte Erdogan am Donnerstag an seine Kritiker aus. Saudi-Arabien habe den Krieg im Jemen zu verantworten und solle deshalb schweigen, der ägyptische Staatschef Abdal Fatah as-Sisi sei ein „Mörder“. Ganz besonders wütend ist Erdogan auf die Europäer, die den Einmarsch nach Syrien scharf kritisiert hatten: „Wenn das so ist, dann ist ja alles ganz einfach: Wir öffnen die Tore“ – um Millionen syrischer Flüchtlinge nach Europa zu schicken.

Erdogan und seine Regierung betrachten den Feldzug gegen die syrische Kurdenmiliz YPG als notwendigen Einsatz gegen eine Terrorgruppe. Zudem will die Türkei in Nord-Syrien eine „Sicherheitszone“ schaffen, um syrische Flüchtlinge dort anzusiedeln. Nach der Vorbereitung durch Luftangriffe und Artilleriebeschuss am Vortag rückten in der Nacht zum Donnerstag erstmals türkische Bodentruppen und Ankara-treue syrische Rebellenverbände über die Grenze.

Laut türkischen Angaben nahmen die Angreifer mehrere Dörfer auf der syrischen Seite der Grenze ein und vertrieben die YPG, den syrischen Ableger der Terrorgruppe PKK, aus diesen Gebieten. An einigen Stellen der Front seien YPG-Kämpfer geflohen. Der Vormarsch laufe planmäßig, teilte das türkische Verteidigungsministerium mit. Nach Erdogans Worten wurden in den ersten 24 Stunden des Krieges mehr als 100 YPG-Kämpfer getötet.

Die Kurdenmiliz berichtete dagegen, ihre Truppen hätten zurückgeschlagen. Die YPG-Kämpfer waren in den vergangenen Jahren von den USA für den Kampf gegen den Islamischen Staat ausgerüstet worden. Sie sind der hochgerüsteten türkischen Armee zwar klar unterlegen, aber durchaus in der Lage, den Angreifern den Vormarsch zu erschweren.

Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte meldete, ein türkischer Luftangriff habe einen Fahrzeug-Konvoy von Zivilisten in Syrien getroffen und mehrere Menschen verletzt. Kurdische Geschosse aus Syrien schlugen am Donnerstag in der türkischen Grenzstadt Akcakale ein und verletzten laut Medienberichten mindestens 17 Menschen. Tausende Bewohner des YPG-Gebietes fliehen vor den Gefechten in den Süden, etwa in die Stadt Rakka.

Gleichzeitig wurden Vorwürfe laut, die türkische Intervention stärke den Islamischen Staat, der bisher von der YPG mit Unterstützung von US-Truppen in Schach gehalten worden war. Die amerikanischen Soldaten hatten sich auf Befehl von Präsident Donald Trump aus dem Gebiet zurückgezogen; die YPG erklärte daraufhin, sie ziehe ihre Kämpfer aus dem Kampf gegen den Islamischen Staat zurück, um sie in Gefechten gegen die anrückenden Türken aufzubieten.

Der US-Sender CNN zitierte einen namentlich nicht genannten Regierungsvertreter in Washington mit den Worten, die türkische Intervention schade schon jetzt den Bemühungen, die Extremisten vom Islamischen Staat unter Kontrolle zu halten. „Wir schauen jetzt dabei zu, wie die zweitgrößte Armee der Nato unseren besten Verbündeten im Anti-Terror-Kampf angreift.“ Im Kongress in Washington werden Sanktionen gegen die Türkei vorbereitet.

Erdogan wies jede Kritik an dem Feldzug zurück. Besonders verärgert reagierte der türkische Präsident auf die Kritik aus Europa. „Hey, Europäische Union, komm mal zu dir“, sagte er. Erdogan bekräftigte den Vorwurf, die EU habe ihre finanziellen Zusagen aus dem Flüchtlingsabkommen zwischen Ankara und Brüssel nicht eingehalten. „Wir öffnen die Tore, nur damit ihr das wisst“, sagte Erdogan.

Ob es sich um einen Wutausbruch des Staatschefs handelte oder um eine echte Drohung, blieb zunächst offen. Der türkische Präsident hatte bereits vor Wochen erklärt, sein Land könne zusätzlich zu den bereits aufgenommenen 3,6 Millionen syrischen Flüchtlingen keine weiteren Syrer mehr aufnehmen und müsse die Menschen deshalb möglicherweise nach Europa durchwinken. Gleichzeitig erklärte Erdogans Regierung damals jedoch, die Türkei habe kein Interesse an einer Aufkündigung des Flüchtlingsabkommens. Der Vertrag verpflichtet Ankara dazu, Flüchtlinge an der Überfahrt nach Griechenland zu hindern.

Auch innenpolitisch will Erdogan keine Einwände gegen den Syrien-Einsatz gelten lassen. Zwei leitende Redakteure von Oppositionsmedien wurden am Donnerstag festgenommen – offenbar wegen ihrer kritischen Berichterstattung. Insgesamt leiteten die Behörden fast 80 Ermittlungsverfahren gegen Verdächtige ein, die „feindliche Propaganda“ über den Feldzug verbreitet haben sollen.

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