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Das Herz schlägt grün und ohne Wut

Das Herz schlägt grün und ohne Wut

Als Saarbrücker Oberbürgermeister stolperte Hajo Hoffmann (71) 1999 über eine Hausbau-Affäre und stürzte aus einer glänzenden Karriere. Sein Fall schrieb saarländische Polit- und Justizgeschichte. Heute hat er Frieden geschlossen.

Sie stehen noch, die Hecken. Städtische Arbeiter haben die Pflanzen vor 30 Jahren gepflanzt. Hätten sie besser nicht, aber das ist eine heikle Geschichte, in der es um angebliche Untreue geht und zu der es zwei Versionen gibt. Die von Hajo Hoffmann und die der Staatsanwälte und Richter, die behaupten, Hoffmann habe sich als Oberbürgermeister über städtische Firmen Vorteile verschafft. Am Ende ging es noch um eine Rechnung von 2500 Euro. Jedenfalls muss Hoffmann auf dem Weg zu seinem Dienstwagen täglich an diesen Sträuchern vorbei. Ein hitzigeres Temperament als er hätte diese Unglücksbringer längst vergiftet, zerhackt, verbrannt. Denn diese Sträucher haben ihn sein Oberbürgermeisteramt, seine Reputation, seine materielle Sicherheit und seinen Glauben an die Justiz gekostet. Doch der ökologisch bewegte Hoffmann würde Pflanzen nie in Haftung nehmen. Wo er doch gerade als Vorsitzender des Fördervereins um den Erhalt des Botanischen Gartens in Saarbrücken gekämpft hat - und wohl tausende Schützlinge verloren geben muss.

Der Sozialdemokrat, der nach eigener Aussage schon Atomkraftgegner war, "bevor es die Grünen überhaupt gab", unterhält eine ziemlich dicke Photovoltaik-Anlage samt Speicherbatterie und hat den Esstisch in seinem gemütlich verwinkelten Haus in einen fünf Meter hohen Wintergarten gerückt, wo man sich wie in einem Gewächshaus fühlt. Grün grün grün sind alle Ausblicke von Hoffmanns Bliesransbacher Höhe, die Natur, die Spaziergänge, haben Hoffmann während seines Absturzes die seelische Gesundheit gerettet. Wobei Hoffmann zeitgleich eine zweite Schicksalsprüfung bewältigen musste, die, wie er meint, alles andere wie "Pisskram" aussehen ließ: die Rachenkrebs-Erkrankung seiner 2002 verstorbenen Frau. Das Haus ein Lazarett, die Söhne, damals zehn und 17 Jahre alt, verunsichert. "Ich habe mir jeden Tag einen Tagesablaufplan vorgeschrieben und mich sklavisch dran gehalten", sagt er. "Diese Zeit ist keine Wunde mehr, sie ist eine Narbe." Doch auch Narben schmerzen. Seine nicht. Denn es sei zwar "ungerecht, was mir widerfahren ist, aber ich habe immer noch ein privilegiertes Leben".

Hoffmann ist seit 2004 Geschäftsführer von Pro Seniore International SA Luxemburg, einer Gesellschaft der Ostermann-Gruppe. Als Chef des "Zukunftsbeirates" vermittelt er Erkenntnisse der Altersforschung in Pro-Seniore-Einrichtungen. Hoffmann kannte Hartmut Ostermann aus Juso-Tagen. Der Job war die Rettung aus einem Finanzdesaster . Denn die Prozesse kosteten eine sechsstellige Summe, von der Altersversorgung blieb nur eine Grundsicherung. Doch nicht nur Ostermann half, auch andere seien beigesprungen, erzählt Hoffmann, der sich an keine einzige tiefe menschliche Enttäuschung erinnert. Mit niemanden, auch den Genossen nicht, seien noch Rechnungen offen: "Es war und wurde nicht alles schlecht." Hoffmann ist beispielsweise überzeugt, dass er heute eine bessere physische und psychische Konstitution hat als wenn er im "zehrenden" Politjob geblieben wäre. Außerdem ermöglichte ihm 2002 die Suspendierung vom Amt die intensive Begleitung seiner kranken Frau. Ein Blick zurück in Seelenruhe also, auch kein Hader mit sich selbst. Wenn er was anders machen würde, dann das: schlüsselfertig bauen. Und: "Ich würde der Staatsanwaltschaft nicht mehr besinnungslos vertrauen." Dass er sich, von außen betrachtet, unverantwortlich lange an seinen Posten klammerte und sich über zwei Instanzen quälte, erklärt er so: "Ich dachte, ich stehe das durch und bekomme einen Freispruch, denn ich hatte ja nichts angestellt."

Und wie lebt es sich im Hier und Jetzt? Ziemlich musikalisch. Hoffmann spielt seit 15 Jahren Cello, tritt mit dem Deutsch-Französischen Kammersymphonieorchester Friedrichsthal auf - ein Spätberufener. Das Wohnzimmer wirkt wie ein Musikstudio. Dvorák läuft an diesem Vormittag. Die Klassik fesselt ihn seit Kindertagen. In Trier, wo er zeitweilig lebte, trat er als Sängerknabe im Dom auf. Wenn Hoffmann sich heute was Gutes tun will, fährt er mit seiner Lebensgefährtin, die in Mettlach lebt und sechs Jahre an seiner Seite ist, zu einem außergewöhnlichen Konzert. Kürzlich etwa nach Tübingen, um Concerto Köln zu hören. Weitere Hobbys? Reisen. Möglichst einmal im Jahr verzieht er sich in ein altes Bauernhaus nach Südfrankreich und spielt Cello. Außerdem ist das demographische Themenfeld, das er für Pro Seniore beackert, so spannend, dass die Beschäftigung damit ins Private hinübergewachsen ist. Derzeit hat Hoffmann vor allem das Thema der Aktivierung von Zellen gepackt. Was etwa leisten Nahrungsmittel im Alterungsprozess? "Was früher nur beobachtet wurde, lässt sich heute naturwissenschaftlich belegen, so was fasziniert mich." Und dann ist da noch das Olivenöl aus Kreta, das er importiert, weil er die Dumping-Preise, die die Italiener den griechischen Bauern zahlen, für unfair hält.

Hoffmanns Herz schlug schon immer für Nachhaltigkeit. Seine wachstumskritische Diplomarbeit prangerte den falschen Wirtschaftsindikator Bruttosozialprodukt an. Als Saar-Wirtschaftsminister führte Hoffmann die naturnahe Waldwirtschaft ein. Dass er im Biosphärenreservat Bliesgau lebt, ist jedoch kein ideologisches Statement. Seine Frau stammte aus Bliesransbach. Das Dorf ist seit 1976 Hoffmanns Heimat, wurde in der Krise auch sein Schutzraum. Der "Dummschwätzer-Stammtisch" steht 15 Minuten entfernt in Spicheren, der älteste Sohn (35) ist mit der zweijährigen Enkelin in dieselbe Straße gezogen. Wahrlich eine ur-saarländische Happy-End-Story vom guten Leben.

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Zur PersonHajo Hoffmann machte zunächst eine Banklehre, holte mit 25 das Abitur nach, studierte in Saarbrücken Wirtschaftswissenschaften. 1974: Referent der SPD-Landtagsfraktion , 1976 -1985: Bundestagsabgeordneter, 1977-1979: EU-Parlamentarier. 1985: Saar-Wirtschaftsminister. 1991: Saarbrücker Oberbürgermeister. Trotz der Untreue-Affäre gewinnt er 2001 noch einmal die Direktwahl. 1999-2002: Präsident des Deutschen Städtetages.Affäre Hoffmann: In Zusammenhang mit Bauarbeiten an seinem Haus werden 1999 Ermittlungen aufgenommen. Es geht zunächst um hohe Summen, am Ende nur noch um 2500 Euro. 2001: Anklage wegen zweifacher Untreue. 2002: Verurteilung zu einer Geldstrafe; vorläufige, später vom Verwaltungsgericht bestätigte Suspendierung als OB. 2004: zweitinstanzliche Verurteilung, Rücktritt. Revisionsantrag wird verworfen. ce