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Corona im Saarland: Marburger Bund kritisiert Lockdown-Ausstieg

Nach Ankündigung des Saarland-Modells : Schwere Kritik am Lockdown-Ausstieg im Saarland

Mecklenburg-Vorpommerns Regierungschefin Schwesig sieht die Solidarität verletzt. Auch der Ärzteverband Marburger Bund übt Kritik an der Entscheidung der Saar-Regierung.

Die neue Eintrittskarte im Saarland heißt negativer Schnelltest. Damit sollen Bürgern bald viele Einrichtungen wieder offen stehen. Bund und Länder hatten beim jüngsten Corona-Gipfel beschlossen, dass die Länder in einigen ausgewählten Regionen zeitlich befristete Modellprojekte starten könnten – „mit strengen Schutzmaßnahmen und einem Testkonzept“, um einzelne Bereiche des öffentlichen Lebens zu öffnen – und um dies zu untersuchen. Jetzt wagt das Saarland einen flächendeckenden Feldversuch.

Kritik kam vom SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach. „Der Kurs des Saarlandes ist fahrlässig. Die Modellregion im Saarland ist ein Experiment, das zu einer schnellen Verbreitung gefährlicherer Mutationen in Deutschland führen kann“, sagte er unserer Redaktion. Das Saarland habe von anderen Bundesländern „mehr Impfstoff gegen Mutanten bekommen und geht jetzt ins Risiko. Das macht keinen Sinn.“ Widerspruch zum Modell im Saarland kam aus dem Norden der Republik. Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) sagte: „Dafür habe ich kein Verständnis. Solidarität ist keine Einbahnstraße.“ Das Saarland erhalte 80 000 zusätzliche Dosen Impfstoff, weil es dort die südafrikanische Mutation gebe. „Das ist auf die Einwohnerzahl gerechnet eine große Menge“, so Schwesig. „Wie sollen andere Länder ihren Bürgern erklären, dass sie keinen zusätzlichen Impfstoff erhalten und diese Öffnungsschritte nicht gehen können?“

Auch aus der Ärzteschaft gab es Kritik. „Versuche in Modellregionen können in dieser Situation keine Alternative zum Lockdown sein“, sagte die Vorsitzende des Ärzteverbands Marburger Bund, Susanne Johna. „Die dritte Welle ist bereits im vollen Gange. Ich sehe es kritisch, wenn mit dem Saarland ein zwar kleines, aber doch ganzes Bundesland einen Modellversuch durchführen will.“ Auch wenn die Inzidenz im Saarland noch relativ niedrig sei, bleibe völlig unklar, wie verhindert werden soll, dass viele Menschen aus anderen Bundesländern wegen der Öffnungen einreisen“, sagte Johna.

„Wo immer es Modellversuche geben wird, brauchen wir eine enge Überprüfung der Ergebnisse. Es muss vorher eindeutig geklärt sein, was positiv getestete Menschen tun müssen.“ Denn wo viel getestet werde, gebe es auch mehr falsch-positive und mehr falsch-negative Ergebnisse, sagte die Verbandschefin. „Kommunen, die sich als Modellregion beteiligen, müssen die Einhaltung der Quarantäne von positiv Getesteten auch überprüfen. Ich gehe davon aus, dass die B117-Corona-Variante in Deutschland bereits für rund 80 Prozent der positiven Corona-Tests verantwortlich ist“, sagte Johna.