Chemnitz bei Prozess um tödliche Messerattacke und Hooligan-Beerdigung im Fokus

Erstochener Daniel H. : Viele offene Fragen bei Prozess um Messerattacke von Chemnitz

„Chemnitz lässt momentan nichts aus, in den Schlagzeilen zu bleiben“, sagt der Jurist und Politiker Klaus Bartl mit einem Unterton von Sarkasmus. Gestern ist er von seiner Heimatstadt Chemnitz nach Dresden gekommen, weil ein Gericht hier den gewaltsamen Tod eines Mannes aufklären soll.

Die als Totschlag angeklagte Tat hat sich am 26. August 2018 am Rande des Chemnitzer Stadtfestes ereignet. Zwei Flüchtlinge aus dem Irak und Syrien sollen nach einem Streit den Deutschen Daniel H. erstochen haben. Vor Gericht verantworten muss sich derzeit nur der Syrer Alaa S. Der mutmaßliche Mittäter Farhad A. ist auf der Flucht. Der Fall erregte Aufsehen, weil es in Chemnitz danach zu Angriffen auf Flüchtlinge und ausländische Restaurants kam.

Bartl hat auch ein berufliches Interesse an dem Prozess. Denn die Beweislage ist nach Ansicht von Prozessbeobachtern dünn. Bartl sieht das Schwurgericht vor einer „anspruchsvollen Aufgabe“. Er sei aber fest davon überzeugt, dass die zuständige Kammer das mit der notwendigen Souveränität untersucht.

Bis zu einem Urteil dürfte es noch ein weiter Weg sein. Der Prozessauftakt verläuft zäh. Verteidigerin Ricarda Lang bezweifelt die Unbefangenheit des Gerichtes. Sie will von den Berufs- und den Laienrichtern wissen, ob sie schon einmal an Kundgebungen der AfD oder der islamfeindlichen Pegida teilnahmen, ob sie Unterstützer der AfD sind oder wie sie zu Flüchtlingen generell stehen. Ihr Mandant gehöre zum „erklärten Feindbild“ von Anhängern der AfD, sagt sie. Dabei habe er ein Recht auf ein faires Verfahren.

Ausgerechnet die Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) hatte der Verteidigung eine Steilvorlage geliefert. Sie hoffe für die Familie des Opfers, dass es zu einer Verurteilung komme, damit die Angehörigen Ruhe finden könnten, sagte sie der Taz. Bei einem Freispruch würde es „schwierig für Chemnitz“. Rechtsanwältin Lang stellt deshalb den Verdacht einer politischen Einflussnahme auf das Verfahren in den Raum. Ihr Verteidigerkollege Frank Wilhelm Drücke fordert später die Einstellung des Verfahrens und die Aufhebung des Haftbefehls. „Es mangelt an handfesten Beweisen“, findet er.

Der Zeuge Dmitri M., der bei der Gewalttat mit einem Messer schwer verletzt wurde, vermag den Angeklagten gestern nicht als Messerstecher zu identifizieren. Der aus Russland stammende Mann kann lediglich beschreiben, dass eine Person in heller Kleidung auf den bereits am Boden liegenden Daniel H. einstach. Nach der Befragung sind die offenen Fragen nicht weniger geworden.