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Bundestagsdebatte zum Bluttest auf Down-Syndrom: Sollte die Krankenkasse die Kosten übernehmen?

Bundestagsdebatte zum Bluttest auf Down-Syndrom : Sollten es die Eltern vorher wissen?

Brisante Debatte im Bundestag: Politiker diskutieren, ob die Krankenkasse die Kosten für den Bluttest auf Down-Syndrom übernehmen sollte.

Das war ziemlich daneben. Ganz schnell hat die FDP-Bundestagsfraktion Anfang April einen Tweet zurückgezogen, in dem sie dafür plädierte, einen Bluttest für Schwangere auf Down-Syndrom zur Kassenleistung zu machen. Dafür werben sollte ausgerechnet ein Foto, das ein Kleinkind mit Dow-Syndrom im trauten Kontakt mit seiner Mutter zeigt.

Nicht nur Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) war empört: „Ich kann gar nicht glauben, dass dieser FDP-Post echt sein soll!“, twitterte sie. Das auf dem Foto gezeigte Kind wäre möglicherweise gar nicht auf der Welt, wenn der Test Kassenleistung wäre. Die FDP ruderte schnell zurück: „Wir wollen, dass nicht der Geldbeutel entscheidet, ob Schwangere Klarheit bekommen“, hieß es. Für die Partei sei die Perspektive eines Kindes mit Trisomie 21 nichts Negatives.

Der Tweet ist gelöscht, doch das Problem bleibt. Heute will sich der Bundestag mit der schwierigen ethischen Frage befassen, ob werdende Mütter künftig leichter mit einem vorgeburtlichen Bluttest feststellen lassen können, ob ihr Kind das Down-Syndrom hat. Der Test könnte zur Kassenleistung werden.

Entscheiden muss das zunächst der Gemeinsame Bundesausschuss von Krankenkassen, Ärzten, Kliniken und Patientenvertretern. Er ist allerdings allein für die wissenschaftlich-technische Überprüfung zuständig und hat sich bereits dafür ausgesprochen, dass Barmer, AOK und Co. den Test finanzieren – allerdings nur dann, wenn es besondere Risiken oder Auffälligkeiten in der Schwangerschaft gibt. Die endgültige Entscheidung soll im Spätsommer fallen. Abschließend muss das Bundesgesundheitsministerium noch sein Placet geben.

Dabei geht es allerdings um mehr als eine neue Kassenleistung: Der Test könnte zu einem neuen Vorsorgestandard bei den Früherkennungsuntersuchungen werden. Und viel mehr Eltern dazu zwingen, sich damit auseinanderzusetzen, ob möglicherweise ein Kind mit Down-Syndrom zur Welt kommen oder abgetrieben werden soll. „Der Test setzt Schwangerschaften in den Konjunktiv“, so brachte es der Spiegel auf den Punkt.

Seit 2012 gibt es in Deutschland den Gentest auf Trisomien. Ein paar Tropfen Blut der werdenden Mutter können Aufschluss über Erbgut und Gesundheitszustand des ungeborenen Kindes geben. Früher denn je lässt sich dann klären, ob das Kind eine Trisomie 21, also das Down-Syndrom, hat. Der Test ist schon in der zehnten Schwangerschaftswoche anwendbar. Bislang müssen gesetzlich Versicherte diesen Test aus eigener Tasche bezahlen, manche Privatversicherungen haben die Kosten schon übernommen. Das Konstanzer Unternehmen LifeCodexx, das das erste Produkt dieser Art unter dem Namen PraenaTest auf den Markt brachte, hat nach eigenen Angaben inzwischen mehr als 150 000 dieser Tests verkauft, davon die Hälfte in Deutschland.

Einen Tag vor der Bundestagsdebatte wurde breite Kritik an dem Verfahren laut. Politiker, Verbände und Kirchen warnten gestern vor einem wachsenden Druck auf werdende Eltern, behindertes Lebens auszusortieren. In Berlin demonstrierten etwa 150 Menschen für „Inklusion statt Selektion“.

Befürworter einer Kassenleistung argumentieren, schon seit 1986 hätten Risikoschwangere einen Anspruch darauf, dass ihre Kasse eine Fruchtwasseruntersuchung bezahlt. Der Bluttest könne solche mit dem Risiko von Fehlgeburten behafteten körperlichen Eingriffe ersetzen.

Gegner wie die katholische Kirche und Behindertenverbände befürchten einen Dammbruch beim Lebensschutz. Für den Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki geht es um die Frage, „ob wir es wirklich ernst meinen mit der Würde eines jeden einzelnen Menschen ungeachtet seiner Fähigkeiten, seiner Fitness, seines volkswirtschaftlichen Nutzwertes“. Auch Menschen mit Behinderungen wie Trisomie 21 gehörten in Gottes Welt, erklärte der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Manfred Rekowski. Nötig seien vor allem „einfühlsame Beratung und kompetente Begleitung“der Eltern. Behindertenverbände warnten davor, dass der Test bei einer Übernahme der Kosten zum Standard würde und kaum noch Kinder mit einer Trisomie auf die Welt kämen.

Jetzt ist der Bundestag gefragt. Schon 2015 hatten sich in seltener Einmütigkeit 158 Abgeordnete aller Fraktionen an die Bundesregierung gewandt und ihre Sorge über mögliche Fehlentwicklungen in der vorgeburtlichen Medizin bekundet. In einem Positionspapier betonten sie, dass es um eine grundlegende ethische Frage gehe, über die nur der Gesetzgeber entscheiden könne.