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Bürokratie-Marathon mit Menschlichkeit

Bürokratie-Marathon mit Menschlichkeit

Durchsuchen, ärztliche Untersuchung, Fingerabdrücke und Foto: Wer als Flüchtling von der deutschen Polizei aus einem Zug oder Auto geholt wird, muss erst einmal durch die sogenannte „Bearbeitungsstraße“.

Dutzende Flüchtlinge sitzen auf der Treppe zur Unterführung am Bahnhof Rosenheim. Wie es mit ihnen weitergeht, wissen sie nicht.

Die Polizisten warten schon. Als der Eurocity aus Verona im Rosenheimer Bahnhof einfährt, stehen etwa zwei Dutzend Beamte parat. Innerhalb von 20 Minuten ist die Treppe zur Unterführung voll mit erschöpften Flüchtlingen. Sie sitzen auf den Stufen und wissen nicht, was nun passieren wird. Einen Tag später steht fest, dass es sich um den deutschlandweit bisher größten "Aufgriff" - so der Polizeijargon - von Flüchtlingen handelt.

147 Asylbewerber werden bei sengender Hitze aus nur einem Zug geholt. Allein 119 von ihnen stammen aus Eritrea, die anderen sind Syrer, Äthiopier, Nigerianer oder Sudanesen. Im Juli erreichten insgesamt 79 000 Asylbewerber Deutschland - doppelt so viele wie im gesamten Jahr 2005 und so viele wie nie zuvor in einem Monat.

Eine junge Mutter stillt auf der Bahnhofstreppe sitzend inmitten all der Leute seelenruhig ihr Baby, ein kleines Mädchen hält eine Puppe im Arm, ein Junge lässt sein Spielzeugauto Runden auf dem Beton drehen. Kaum ein Kind weint, wie überhaupt die Ruhe und Unaufgeregtheit beeindruckt, mit der alle die schwierige Situation meistern. Weder von den Beamten noch den Asylbewerbern fällt ein lautes Wort. Dennoch: Für die Polizei sind die Flüchtlinge in erster Linie illegal eingereiste Ausländer. Sie müssen behördlich registriert werden. "Sie verfügten nicht über die erforderlichen Papiere, die für die Einreise oder den Aufenthalt in der Bundesrepublik erforderlich gewesen wären", sagt der Sprecher der Bundespolizei in Rosenheim , Rainer Scharf. Also machen die nach einer oft lebensgefährlichen Flucht hier ankommenden Menschen erst einmal Bekanntschaft mit der sprichwörtlichen deutschen Gründlichkeit.

Schon am Bahnhof werden die Asylbewerber nach verbotenen Gegenständen abgetastet. Jeder bekommt ein Bändchen mit einer Nummer ums Handgelenk, eine Klarsichtfolie mit vorübergehend eingezogenen Gegenständen erhält dieselbe Nummer. Dann werden die Flüchtlinge in eine ehemalige Bundeswehrkaserne gebracht. In einer zum Bettenlager umfunktionierten Turnhalle können sie sich ein wenig ausruhen, bekommen zu trinken und zu essen. Danach geht es in die "Bearbeitungsstraße". So nennen die Beamten das Gebäude zur Registrierung der Flüchtlinge . "Hier ist ein ständiges Kommen und Gehen", meint der Polizeisprecher. Während am Eingang Asylbewerber eintreten, verlassen andere den Ausgang mit der "Anlaufbescheinigung". Mit diesem Papier können sie in die Münchner Erstaufnahmestelle weiterreisen und dort ihren Asylantrag stellen. Im Idealfall dauert die Registrierung zwei Stunden. Kommen die Flüchtlinge jedoch erst abends an, verbringen sie oft die ganze Nacht in der Turnhalle.

Registrieren heißt Durchsuchen, ärztliche Untersuchung auf ansteckende Krankheiten wie Tuberkulose, Krätze oder Keuchhusten, und erkennungsdienstliche Behandlung - Fingerabdruck und Foto. Die wenigsten Flüchtlinge kommen mit einem Ausweis in Deutschland an. In vielen Fällen haben Schleuser sie ihnen zuvor abgenommen. "Die Leute erhalten durch die Registrierung eine Identität und können unabhängig von Schleusern ihren Asylantrag stellen", sagt Scharf.

Bei der Registrierung läuft nicht immer alles reibungslos. Aynom Asmelash aus Eritrea will keinen Fingerabdruck geben. Mit Engelsgeduld redet der Beamte auf den jungen Mann ein. Nach einer Weile willigt er ein und drückt die Fingerkuppe mit großer Skepsis auf das Sichtgerät. Doch bei aller Bürokratie geht es in der "Bearbeitungsstraße" menschlich zu. Der zweijährige Ali aus Syrien darf sich vor der Weiterfahrt nach München aus einem Karton mit Stofftieren noch eines aussuchen. Aber er kann sich nicht entscheiden und greift sich die ganze Schachtel. Mit einem breiten Grinsen läuft der Knirps durch den Raum. Der Beamte, der ihm den Karton gereicht hat, nickt nur. Ali darf alle Spielsachen mitnehmen.