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Bei einem No-Deal-Brexit stehen viele französische Fischer vor dem Aus

Was kommt am 1. Januar? : Erbitterter Kampf um den Hering

Kommt es zu einem No-Deal-Brexit, stehen viele französische Fischer vor dem Aus – doch die wollen das nicht so einfach hinnehmen.

Kurz nach Mitternacht beginnt das Leben im Hafen von Boulogne-sur-Mer. Im grellen Licht der Scheinwerfer steuern Fischkutter langsam ins Basin Loubet und machen an der Kaimauer fest. Die meisten der Mannschaften waren viele Tage auf See, immer auf der Suche nach Kabeljau, Hering, Steinbutt, Makrele oder Kalmaren. Doch damit könnte bald Schluss sein, denn die besten Fanggründe der französischen Fischer liegen in britischem Gewässer. Wird bei den Brexit-Verhandlungen nicht noch in letzter Minute eine Einigung erzielt, sind diese Gebiete in Zukunft für die Trawler aus Boulogne-sur-Mer tabu.

An den Nerven der Fischer zerrt, dass sie seit Monaten nicht erfahren, wie es nach dem 1. Januar weitergehen soll. Frankreichs Premierminister Jean Castex hat den Fischern erst kürzlich noch versichert, dass Paris ihre Interessen bei den Brexit-Verhandlungen „nicht als Verhandlungsmasse opfern“ werde. Doch viele der Männer haben den Glauben an solche Worte längst verloren. „Wir sind in derselben ungewissen Situation wie vor einem Jahr“, sagt Dominique Thomas. Er besitzt zwei Fangschiffe, die vor allem im Atlantik in der Keltischen See unterwegs sind, zwischen der Südküste Irlands und der Südwestküste von Wales. Der 55-Jährige kennt die Stimmung unter den Mannschaften, er ist Vorsitzender der Fischer-Kooperative Cobrenord, in der rund 180 Schiffe zusammengeschlossen sind. Deren Flotte ist zu 90 Prozent rund um Großbritannien unterwegs.

Angesichts des sehr geringen Anteils der Fischerei am Bruttoinlandsprodukt sowohl des Königreichs (geschätzte 0,1 Prozent) als auch der EU wundert die Härte der Auseinandersetzung. Allerdings hat die Fischerei sowohl in Großbritannien als auch Frankreich eine besondere politische Bedeutung, die weit über die einzelnen Zahlen hinausgeht. „Als unabhängiger Küstenstaat wollen wir die Kontrolle über unsere eigenen Gewässer haben“, zementierte der britische Außenminister Dominic Raab einst die Position des Königreichs. Es geht also vor allem auch um Symbole.

Auf französischer Seite hat Präsident Emmanuel Macron wenig Spielraum für Kompromisse. Er richtet jetzt schon seinen Blick auf seine mögliche Wiederwahl im Jahr 2022. Allerdings dümpelt er seit Monaten in einem Umfragetief und liefert sich angesichts seines Reformkurses mit zahlreichen gesellschaftlichen Gruppen harte Auseinandersetzungen. Mit den Fischern will es sich der Staatschef nicht auch noch verscherzen. Zudem sind die Franzosen stolz auf ihre Agrar- und Meeresprodukte. Ein großer Teil der französischen Fangflotte würde bei einem No-Deal-Brexit in Mitleidenschaft gezogen, sagte Jean-Luc Hall vom nationalen Fischereiverband. Fast die Hälfte der bretonischen Fischer wäre betroffen, zählt er auf, 30 Prozent in der Region Hauts-de-France und 20 Prozent der normannischen Fischer. Er befürchtet, dass es sich für viele nicht mehr lohnen würde, aufs Meer zu fahren.

Doch nicht nur ein möglicher No-Deal-Brexit bereitet den französischen Fischern großes Kopfzerbrechen. Sie fürchten auch, dass sich der Streit um Fischgründe nach dem 1. Januar 2021 in die französischen Gewässer verlagern könnte – dann nämlich, wenn Spanier, Niederländer oder Iren mangels Alternativen weiter südlich fischen. „Wenn sich der Zugang zu den britischen Gewässern schließt, werden alle Fischer aus der EU vor der französischen Küste aktiv“, glaubt Olivier Leprêtre vom regionalen Fischereiverband der Region Hauts-de-France. Er appelliert an die EU, allen Fischern dann nur noch Fangzüge in ihren jeweiligen nationalen Gewässern zu erlauben. Ansonsten drohe eine Überfischung der französischen Gewässer.

Die Einschränkung der Fanggründe hätte natürlich auch Folgen für die Verbraucher, unterstreicht Jean-Luc Hall. Über 90 Prozent des Seelachses und rund Dreiviertel der Heringe würden in britischen Gebieten gefangen. Es sei zu erwarten, dass diese Fische teurer werden, weil sie von den französischen Trawlern kaum mehr gefangen oder die britischen Produkte mit hohen Zöllen belegt würden, sagt der Vertreter des nationalen Fischereiverbandes.

Aus London dringen derweil markige Worte, und Großbritannien ist beim Verteidigen der eigenen Fischgründe rund um die Insel inzwischen bereit, eine reichlich archaisch anmutende Kanonenboot-Politik zu betreiben. London hält vier Kriegsschiffe der Royal Navy für den Schutz seiner Gewässer im Fall eines No-Deal-Brexits bereit, wie das britische Verteidigungsministerium am Wochenende bestätigte. Die Patrouillenboote der Marine könnten neben anderen Aufgaben dazu eingesetzt werden, um EU-Fischerboote abzuwehren, sagte der Sprecher.