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Weltweite Meldepflicht in der katholischen Kirche für Missbrauchsfälle

Weltweite Meldepflicht in katholischer Kirche : Neue Regeln, alter Zwist beim Thema Missbrauch

Diesen Samstag tritt in der katholischen Weltkirche eine Meldepflicht in Kraft. In Deutschland sind viele der neuen Regeln bereits umgesetzt.

Der ehemalige Papst Benedikt XVI. weiß noch genau, wann ihm zum ersten Mal Böses schwante. Am Karfreitag des Jahres 1970 sei er in die Stadt Regensburg gekommen und habe dort überall ein Plakat gesehen, „das zwei völlig nackte Personen im Großformat in enger Umarmung vorstellte“. Zu jener Zeit habe der Siegeszug völliger sexueller Freiheit begonnen, führt der 92 Jahre alte Ex-Papst im bayerischen Klerusblatt aus. Sogar in Priesterseminaren hätten sich „homosexuelle Clubs“ gebildet. Im Zuge dieser allgemeinen Sexualisierung habe sich dann auch das Übel des Missbrauchs in die Kirche eingeschlichen.

Dass sich katholische Kleriker nach einer Studie der Deutschen Bischofskonferenz schon Jahrzehnte vor der von Benedikt verteufelten 68er Revolution an Jungen und Mädchen vergriffen, lässt er dabei einfach mal außer Acht. Sein Aufsatz zeigt, dass es beim Thema Missbrauch nach wie vor zwei Strömungen in der Kirche gibt: Einmal diejenigen, die radikal aufklären und so weit wie möglich sicherstellen wollen, dass sich die Verbrechen nicht wiederholen. Und dann die Bremser, die noch immer den Standpunkt vertreten, es gebe kein strukturelles Problem der Kirche, sondern nur Einzeltäter – so wie in allen anderen Teilen der Gesellschaft auch.

Ein wichtiges Datum für die Reformer ist der 1. Juni – dieser Samstag. Dann tritt erstmals eine Meldepflicht für Fälle von sexuellem Missbrauch für die gesamte Weltkirche in Kraft. Die neuen Regeln von Papst Franziskus verpflichten alle Bistümer, leicht zugängliche Anlaufstellen für Anzeigen einzurichten. Zudem will Franziskus aufs Tempo drücken: Die kirchlichen Verfahren sollen sich nicht mehr endlos hinziehen.

In Deutschland ist vieles davon schon umgesetzt. „Die Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz entsprechen weitgehend den neuen päpstlichen Normen“, urteilt der Kirchenrechtler Thomas Schüller, ein ebenso kenntnisreicher wie kritischer Beobachter der Kirche. Allerdings mahnt er: „Präzisierungen könnten den deutschen Leitlinien gut tun.“ Denn immer wieder sei zu beobachten, dass vor allem alte, nicht mehr aktive Bischöfe „eher die Kultur des Verschweigens für ihre gravierenden Versäumnisse in ihrer aktiven Dienstzeit praktizieren“.

Der Missbrauchsbeauftragte der Bischofskonferenz, Stephan Ackermann aus Trier, sagt dazu, man werde durchaus prüfen, inwieweit die deutschen Leitlinien noch den Vorgaben des Papstes angepasst werden müssten.

Opferverbände kritisieren an den neuen Regeln des Papstes, dass sie keine Meldepflicht an staatliche Stellen einschließen. Die Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz sehen dagegen vor, dass beim Verdacht einer Straftat Informationen an Polizei und Staatsanwaltschaft und gegebenenfalls auch ans Jugendamt oder an die Schulaufsicht weiterzugeben sind. Allerdings schränkt Bischof Ackermann ein: „Es gibt Fälle, in denen es ausdrücklicher Wille des mutmaßlichen Opfers ist, dass die Informationen nicht weitergegeben werden. In diesem Fall kann ausnahmsweise die Pflicht zur Weiterleitung der Informationen entfallen.“

Der Vatikan betont derweil ein ums andere Mal, dass es vor allem darum gehen müsse, in allen Ländern der Welt das Bewusstsein zu schärfen. In vielen Regionen haben Kirchenvertreter noch immer die Haltung: Missbrauch? Welcher Missbrauch?

Im katholischen Polen hat zum Beispiel erst Mitte Mai ein Dokumentarfilm über pädophile Priester eine Debatte ausgelöst. Im Nahen Osten, in Afrika, in asiatischen Ländern wie Indien, aber auch vor der eigenen Haustür des Papstes, in Italien, ist es um die Aufarbeitung oft schlecht bestellt. Ein Erzbischof aus Ghana erklärte vor dem Anti-Missbrauchsgipfel im Februar im Vatikan, das Problem sei in Afrika „sehr, sehr, sehr klein“. Der Graben zu Ländern wie Deutschland, Irland oder den USA ist also ziemlich groß.

Franziskus selbst äußerte sich erst diese Woche in einem Interview zu Vorwürfen, der Gipfel in Rom habe viele Menschen enttäuscht. Vor allem, dass er bei Pädophilie den Teufel am Werk sieht, halten viele für eine Flucht vor der Verantwortung. „Ich kann mir das Problem der Pädophilie nicht anders erklären als mit dem Geist des Bösen“, sagte der Papst jetzt im mexikanischen Fernsehen. Seine Politik sei es, Prozesse anzustoßen. Es gehe darum, einen „Prozess der Heilung, der Korrektur“ zu öffnen. Mit dem Regelkatalog hat er nun einen weiteren Schritt in diesem Prozess gemacht. Allerdings einen überfälligen.