Wegen der Erderwärmung sind immer mehr Inseln im Südpazifik bedroht

Inseln im Südpazifik droht Untergang : Kapitulation vor dem Klima

Weil der Meeresspiegel steigt, musste Vunidogoloa als erstes Dorf der Welt umgesiedelt werden. Eine Folge des Klimawandels.

„Hier stand mein Haus. Es war ein sehr schönes Haus“, sagt Sailosi Ramatu. Der 58-Jährige steht auf den Grundmauern seiner alten Unterkunft – und bis zu den Waden im Südpazifik. Seinen beiden Enkelkindern reicht das Wasser bis über die Knie. Der Klimawandel hat dem Fidschianer sein Haus und seine Heimat genommen. Weil der Meeresspiegel immer schneller steigt, war Ramatus Zuhause wohl das erste Dorf der Welt, das auf Grund des Klimawandels umgesiedelt werden musste. Doch allein auf den Fidschi-Inseln müssen in den nächsten Jahren bis zu 800 Siedlungen den steigenden Pegeln weichen.

Derweil ist es den Staats- und Regierungschefs der EU bei ihrem  Gipfel in Brüssel nicht gelungen, das Problem an der Wurzel anzupacken. Eigentlich wollten sie am Donnerstagabend beschließen, die Gemeinschaft bis zum Jahr 2050 klimaneutral zu machen. Doch Polen, Ungarn, Tschechien und Estland weigerten sich hartnäckig. „Es ist absolut erbärmlich, dass sich 24 EU-Staaten von vier Ländern ausbremsen lassen“, kommentierte Sabine Minninger am Freitag den fehlgeschlagenen Versuch, den Ausstoß von Treibhausgasen einzudämmen. Minninger, die aus dem Beckinger Ortsteil Reimsbach stammt, ist Referentin für Klimapolitik beim kirchlichen Hilfswerk Brot für die Welt und beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit Klimawandel und Entwicklungsfragen. „Wir haben nur noch zwischen fünf und zwölf Jahren Zeit, das Ruder herumzureißen“, warnt die Saarländerin. Ansonsten könne das im Jahr 2015 auf der UN-Klimakonferenz in Paris beschlossene Abkommen, die globale Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen, nicht mehr eingehalten werden – mit unabsehbaren Folgen nicht nur für jetzt bereits besonders gefährdete Gebiete wie die Fidschi-Inseln, sondern für die ganze Welt. Dabei sind nach Überzeugung Minningers schon heute auch hierzulande die Folgen des Klimawandels deutlich spürbar. So sei im vergangenen Jahr 95 Prozent Deutschlands von Dürre heimgesucht worden, vielerorts, auch im Saarland, habe es große Unwetter gegeben, die verheerende Schäden angerichtet hätten.

Während man in Deutschland solche Ereignisse laut Minniger oft noch als Wetterkapriolen kleinredet, leben die Bewohner der Fidschi-Inseln bereits mitten in der Klima-Katatrophe. „Meine Vorfahren und ich haben am und vom Meer gelebt. Aber jetzt geht das nicht mehr. Es ist zu gefährlich“, sagt Sailosi Ramatu, während er auf dem Fundament seines alten Hauses steht. Fast jeden Tag kehrt er dorthin zurück, von wo das Wasser ihn und die rund 150 Einwohner seines Dorfes vor vier Jahren vertrieben hat. „Unsere Häuser wurden schon bei kleineren Sturmfluten überschwemmt. Jedes Jahr holte das Meer sich mehr Land, und die Böden versalzten so stark, dass hier kaum noch etwas wuchs“, berichtet Ramatu. Schließlich kapitulierten die Bewohner von Vunidogoloa und beschlossen, ihr Dorf rund drei Kilometer entfernt an einem höhergelegenen Hang neu aufzubauen. „Wir haben den Klimawandel nicht verursacht, aber wir müssen die Rechnung dafür zahlen“, donnert der sonst so besonnene Mann. Ein Drittel der Kosten für den Bau des neuen Dorfes mussten die Bewohner selbst tragen, zwei Drittel übernahm die Regierung.

„Aber wir sind nur die ersten. Schon bald wird die ganze Welt die verheerenden Folgen spüren. Der Klimawandel ist die größte Gefahr für die ganze Menschheit“, sagt Ramatu. Wissenschaftliche Worst-Case-Szenarien sehen vor, dass der steigende Meeresspiegel bis zum Jahr 2100 bis zu zwei Milliarden Menschen aus ihrer Heimat vertreiben könnte.

Doch die Fidschi-Inseln sind nicht nur vom Klimawandel bedroht, sie können auch noch stärker vom steigenden Meeresspiegel gefährdeten Staaten Schutz bieten. Die 332 Inseln haben eine Fläche von 18 274 Quadratkilometern, der höchste Gipfel ist 1324 Meter hoch. Die 33 Korallenatolle Kiribatis hingegen kommen zusammen nur auf 811 Quadratkilometer. Große Teile liegen weniger als zwei Meter über dem Meeresspiegel.

Wenn nicht sofort und weltweit drastische Schritte zum Schutz des Klimas unternommen würden, werde das Überleben auf Kiribati schon bald nicht mehr möglich sein, schlussfolgerte der bis März 2016 amtierende Präsident Anote Tong – und zog daraus eine radikale Konsequenz. Als Ultima Ratio wollte er sein Staatsgebiet notfalls aufgeben und suchte deshalb für sein 110 000 Einwohner-Volk eine neue Heimat. Tong will verhindern, dass die Bewohner Kiribatis zu rechtlosen Klimaflüchtlingen werden. Denn Klimawandel ist in der Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 nicht als Fluchtgrund vorgesehen.

Fündig wurde der unkonventionelle Staatschef schließlich in den Höhenlagen der Fidschi-Inseln. In der Nähe des Dorfes Naviavia kaufte Kiribati 2014 für umgerechnet rund 6,6 Millionen Euro etwa 24 Quadratkilometer Land (entspricht ungefähr der Größe der Ostfriesischen Insel Norderney). Zunächst sollen hier Lebensmittel für das stark versalzte Kiribati angebaut werden, doch möglicherweise sollen bereits in wenigen Jahren die ersten Menschen der untergehenden Insel hierhin „in Würde“ umgesiedelt werden.

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