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Was die Briten von den Deutschen lernen können

Neues Buch : Was die Briten von den Deutschen lernen können

„Why the Germans Do it Better“, („Warum die Deutschen es besser machen“), lautet der Titel des jüngsten Werks von John Kampfner, und viel Erklärung braucht es kaum, warum es als provokativ gilt.

Nicht nur dass der englische Publizist äußerst kritisch mit dem eigenen Land ins Gericht geht und es als „gefangen in einem zum Scheitern verurteilten politischen System und in Größenwahn“ beschreibt. Ausgerechnet auf die Deutschen verweist Kampfner.

Während der Coronavirus-Krise blickten die Briten neidvoll über den Ärmelkanal, wo die Deutschen im Umgang mit der Pandemie bislang richtig lagen, wie die Zahlen unterstreichen. Daneben arbeitet sich Kampfner an so ziemlich jedem Thema ab, lobt sowohl die Flüchtlingspolitik von Angela Merkel, den Mittelstand, den wirtschaftlichen Triumph seit der Finanzkrise und den Erfolg der Wiedervereinigung. Er zoomt zudem heraus und erkennt insbesondere in der Bescheidenheit und zuweilen Langeweile der politischen Kultur die Vorteile des deutschen Wegs, der sich immer wieder bewähre. Dort der unaufgeregte Stil der Kanzlerin, vor der Haustür auf der Insel der Entertainer Johnson. Dort Effizienz und eine Politik, die auf Ergebnisse und Konsensbildung abzielt. Hier vor allem viel Rhetorik und bombastische Ankündigungen aus der Downing Street, die gerne mit „weltbeste“ gespickt sind. Manch stolzer Brite fühlte sich getroffen. Es handele sich um ein Literaturgenre nicht unähnlich des „Rache-Pornos“, lästerte ein Rezensent fast beleidigt im konservativen Telegraph. Kampfner karikiert nämlich einen Teil der Briten immer wieder als Plastikfähnchen schwenkendes, patriotische Lieder wie „Rule Britannia“ schmetterndes Volk, das früherem Ruhm nachläuft. Und in dessen „politischen Nicht-System“ man improvisierend von einer Krise zur nächsten springe, während sich Deutschland als „Bollwerk für Anstand und Stabilität“ präsentiere. Das Brexit-Votum aus dem Jahr 2016 setzt Kampfner mit einem „kollektiven Nervenzusammenbruch“ gleich, wenn auch der EU-Austritt für ihn ein Symptom darstellt und nicht der Grund für Großbritanniens „Psychodrama“ sei.

Gleichzeitig provoziert Kampfner  auch die Deutschen, das ist dem Publizisten, Sohn eines vor Hitler aus Bratislava geflohenen Juden und einer englischen Protestantin, wohl bewusst. Er war Auslandskorrespondent in Bonn und im Berlin der Wendezeit. Für seine Recherchen ist er abermals durchs Land gereist. Wenn er dabei den Titel seines Buchs ver­riet, lautete die Antwort der oft peinlich berührten Gesprächspartner stets gleich: „Das können Sie nicht sagen.“ Kampfner kann.

Immerhin, Kampfner erkennt auch Schwächen, zum Beispiel ist sogar ihm der digitale Rückstand aufgefallen. Während der virtuellen Buchvorstellung bescheinigt er außerdem auf Nachfrage einigen Deutschen „eine Selbstgefälligkeit“, beinahe einen „moralischen Nationalismus“, der aus einem Nicht-Militarismus rühre. Die größte Kritik findet sich im Kapitel zur deutschen Außenpolitik, wenn er etwa auf die schwache Haltung gegenüber Russland verweist. Mit seinem Untertitel „Notizen aus einem erwachsenen Land“ schiebt er der Bundesrepublik eine Verantwortung in der Welt zu, die sie bislang nicht in Gänze zu übernehmen bereit scheint. „In welchem Maße wird Deutschland die Tatsache akzeptieren, dass es eine Führungsrolle innehat?“ Wer würde sich sonst um die Wahrung der liberalen Demokratie kümmern? „Dies ist die Zeit für Deutschland vorzutreten.“ Natürlich sind einige Beschreibungen Deutschlands durch die rosarote Brille betrachtet. Und natürlich machen die Deutschen „es“ nicht bei allem besser. Im Gegenteil, in manchen Dingen stünde es den Deutschen gut, von den Briten zu lernen. Stichwort Gelassenheit. Oder Humor.