1. Nachrichten
  2. Politik
  3. Ausland

Vor dem Urteil im Charlie-Hebdo-Prozess: Die jungen Franzosen sind heute weniger Charlie

Vor dem Urteil im Charlie-Hebdo-Prozess : Die jungen Franzosen sind heute weniger Charlie

Einer Umfrage zufolge verurteilen die allermeisten Franzosen die Anschläge von 2015. Doch zwischen den Generationen zeigen sich Unterschiede.

An diesem Mittoch soll das Urteil gegen mutmaßliche Komplizen der Attentäter fallen, die 2015 Anschläge gegen die Redaktion der Satirezeitung Charlie Hebdo und einen jüdischen Supermarkt verübten. Damals gingen Millionen Franzosen auf die Straße und solidarisierten sich mit der Zeitung, die durch Veröffentlichungen von Mohammed-Karikaturen ins Visier der Attentäter gelangt war. Würden sie das heute immer noch tun?

Zum Prozessauftakt erstellte das Ifop-Institut eine repräsentative Umfrage. Diese zeigt, die Mehrheit der Franzosen (59 Prozent) finden nach wie vor, dass die Veröffentlichung der Karikaturen durch Charlie Hebdo den Grundsätzen der Meinungsfreiheit entspricht und somit gerechtfertigt war. Knapp ein Drittel der Befragten (31 Prozent) sieht darin allerdings eine unnötige Provokation. Ebenso verurteilt die überwiegende Mehrheit (88 Prozent) die Attentäter von Januar 2015 ohne Wenn und Aber. Auch bei den muslimischen Befragten ist diese Zahl mit 72 Prozent hoch. Auffällig ist aber laut der Umfrage das Empfinden der jungen Generation. In der Altersklasse 15 bis 24 Jahre, denen größtenteils die Satirezeitung bis 2015 kein Begriff ist, gibt jeder fünfter Befragte an, die Täter nicht zu verurteilen – oder dem Anschlag gegenüber gleichgültig zu sein. Bei den jungen Muslimen ist das jeder Vierte. Noch stärker zeigt sich diese Tendenz bei den 15- bis 17-Jährigen – unabhängig von der Religionszugehörigkeit. Innerhalb der letzten fünf Jahre hat sich deren Sichtweise stark relativiert. Gaben 2016 nur vier Prozent von ihnen an, dass sie die Täter nicht verurteilen und dem Anschlag gegenüber gleichgültig sind, sind es heute 33 Prozent.

Seit dem Gesetz zur Trennung von Kirche und Staat aus dem Jahr 1905 gilt Frankreich anders als Deutschland als säkulares Land. Amtseide werden nicht auf die Bibel gesprochen, es hängen keine Kreuze in öffentlichen Gebäude, es gibt keine Kirchensteuer, Kopftuch in der Schule ist tabu. Und bis auf das Département Moselle und das Elsass, wo noch das deutsche Konkordat angewendet wird, gibt es in den Schulen keinen Religionsunterricht. Doch der Versuch, die Religion aus dem staatlichen Geschehen herauszuhalten, trifft auch auf Widerstand. Auf die Frage, ob sie ihre religiösen Überzeugungen über die Werte der Republik stellen, antworten 17 Prozent der Befragten mit Ja. Bei den muslimischen Franzosen steigt diese Zahl sogar auf 40 Prozent.

Dieser Trend zeigt sich jedoch nicht nur bei den Muslimen, sondern auch bei einer weiteren, wenn auch weniger stark wachsenden Glaubensgemeinschaft in Frankreich. 39 Prozent der Protestanten geben ebenso an, ihre religiösen Werte seien ihnen wichtiger als die des französischen Staates. Das kann unter anderem auf die Zahl der evangelikalen Freikirchen zurückgeführt werden, die sich in Frankreich innerhalb von 50 Jahren verdreifacht hat. Auch bei dieser Frage zeigt sich aber vor allem der Riss zwischen den Generationen. Während nur 12 Prozent aller Befragten über 35 Jahre Religion vor Republik stellen, sind es bei den unter 25-Jährigen 37 Prozent. Bei den Muslimen ist der Unterschied noch größer: Während jeder vierte Gläubige über 35 die religiösen Überzeugungen höher stellt, sind es bei den Jüngeren (unter 25) 74 Prozent.