Ukraine-Krieg US-Geheimdienste zeichnen düsteres Bild der Gegenoffensive

Washington · Die ukrainische Gegenoffensive war lange Zeit mit Spannung erwartet worden. Doch US-Geheimdienste zeichnen nun laut einem Bericht ein düsteres Bild.

Bachmut im Juni: Ein ukrainischer Soldat zeigt ein Siegeszeichen auf einem Panzer an der Frontlinie.

Bachmut im Juni: Ein ukrainischer Soldat zeigt ein Siegeszeichen auf einem Panzer an der Frontlinie.

Foto: dpa/Libkos

Die von hohen Erwartungen begleitete Offensive der Ukraine zur Befreiung der besetzten Gebiete im Osten und Süden des Landes kommt wohl nur schleppend voran. Das geht aus einer Lageeinschätzung der amerikanischen Geheimdienste hervor, die der Washington Post vorliegt.

Ukraine-Kräfte kommen auch wegen russischer Minen nur langsam voran

Demnach dürfte es die Ukraine in den kommenden Wochen nicht schaffen, ihr strategisches Ziel zu erreichen, die Landverbindung zwischen Russland und der Krim-Halbinsel zu unterbrechen. Der Vorstoß der Ukraine auf den Verkehrsknotenpunkt Melitopol komme wegen der hohen Zahl an russischen Minen nur sehr langsam voran. Es sei deshalb nicht zu erwarten, dass die ukrainischen Truppen die etwa 80 Kilometer entfernte Stadt in naher Zukunft erreichen könnten.

Die Offensive habe im Juni mit dem Einsatz neuer westlicher Waffen wie den Bradley Schützenpanzern, Leopard 2 und Minenräumfahrzeugen begonnen. Die Ukrainer seien auf massiven russischen Widerstand gestoßen und hätten in der ersten Woche hohe Verluste erlitten. Statt zu versuchen, unter Einsatz vieler Soldaten und Material einen Durchbruch zu schaffen, sei die Ukraine deshalb dazu übergegangen, an verschiedenen Stellen mit kleineren Einheiten die Verteidigungslinien zu testen. Das habe zu einer deutlichen Verlangsamung geführt.

Ukraine-Krieg: US-Geheimdienste zeichnen düsteres Bild der Gegenoffensive​
Foto: dpa/dpa-infografik GmbH

Hitzige Diskussionen hinter verschlossenen Türen

Laut der Lageeinschätzung verlegte die Ukraine zuletzt Einheiten mit Stryker- und Challenger-Panzern an die Front. Wie die Washington Post weiter berichtet, sei die Analyse der Geheimdienste mit den zuständigen Ausschüssen im US-Kongress kommuniziert worden. Republikaner und Demokraten hätten sich hinter verschlossenen Türen gegenseitig die Schuld für die stockende Offensive zugewiesen.

Die Lageeinschätzung liefert die Kulisse für die Entscheidung der Komitees über weitere 20,6 Milliarden Dollar an Militärhilfe, die US-Präsident Joe Biden angefragt hat. Hohe Regierungsvertreter verteidigten gegenüber der Washington Post die Zurückhaltung bei der Lieferung von F-16-Kampfflugzeugen oder ATACMS-Raketen, die weiter entfernt liegende Ziele erreichen könnten. Es sei nicht zu erkennen, wie dies etwas daran geändert hätte, die russischen Verteidigungsanlagen zu durchbrechen.

„Russland hat drei Verteidigungslinien aufgebaut“

Der Joint Chiefs of Staff, General Mark A. Milley, verwies auf seine Einschätzung vom Frühjahr, als er „eine lange, blutige Schlacht“ voraussagte, die nur schleppend voran kommen werde. Kiew füge den Russen hohe Verluste zu und untergrabe die Moral der Besatzer. Es bleibe aber ein „sehr, sehr schwieriger Kampf“.

Unabhängige Analysten erklären das Stocken der Offensive damit, dass die russischen Invasionstruppen genügend Zeit gehabt hätten, die besetzten Gebiete zu sichern. „Russland hat drei Verteidigungslinien aufgebaut und die Städte zusätzlich gesichert“, erklärt der Experte Rob Lee vom „Foreign Policy Research Institute“ gegenüber der Washington Post. Die Frage stelle sich, ob die Ukraine nach dem Durchbruch der dritten Verteidigungslinie noch genügend Truppen habe. Die USA verbreiten dennoch Zuversicht. Kiew habe bereits in der Vergangenheit Erwartungen übertroffen, als es im Norden größere Gebiete um Charkiw befreit hatte. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass die Ukraine ihre Skeptiker noch einmal überrascht.