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Trump und Biden: Ein zivilisierter Abend vor dem Countdown

Bilanz TV-Duell Trump gegen Biden : Ein zivilisierter Abend vor dem Countdown

Beim Duell zwischen Trump und Biden gab es keine Pöbeleien. Umfragen sehen den Demokraten keine zwei Wochen vor der Wahl als Sieger.

Beim TV-Duell mit dem Demokraten Bill Clinton erwischten die Kameras im Jahr 1992 den Republikaner George H. W. Bush, wie er genervt von Ausführungen Clintons seine Armbanduhr checkte. Es war eine viel beachtete Geste, die zeigte: Für den Amtsinhaber Bush, der später die Präsidentschafts-Wahl gegen Clinton verlor, konnte die Debatte nicht schnell genug vorbei sein. Auch Joe Biden leistete sich, wohl nicht an die Bush-Episode denkend, am Donnerstagabend bei der Debatte mit Donald Trump den so verpönten Check der Uhrzeit. Doch viel spricht dafür, dass dies für den Demokraten keine Folgen haben wird. Elf Tage vor dem Wahltag am 3. November haben mit 46 Millionen Menschen gut ein Drittel der berechtigten US-Bürger bereits abgestimmt – und die meisten anderen dürften, das zeigen Umfragen, mittlerweile ihre Präferenzen für die Stimmabgabe haben.

Im Vergleich zur ersten Debatte der beiden Kandidaten, die chaotisch verlief und von Unterbrechungen vor allem von Seiten Trumps geprägt war, erlebten die Zuschauer diesmal dank einer souveränen Moderation und der Androhung einer Mikrofon-Stummschaltung einen wohltuend zivilisierten Abend. Statt lauter Rüpeleien gab es fast immer nur telegenes Kopfschütteln, wenn ein Bewerber die Worte seines Kontrahenten nicht ertragen konnte. Dabei fehlte es an schwerwiegenden Vorwürfen von beiden Seiten nicht. Biden, der konzentriert und staatsmännisch-souverän das letzte öffentliche Aufeinandertreffen der Kandidaten bestritt, warf dem Präsidenten erneut ein massives Versagen bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie vor.

Am überzeugendsten wirkte der 77-Jährige dabei, als er emotional die Folgen für die Betroffenen beschrieb – und dabei auch den leeren Stuhl am Esstisch, mit dem jene Familien nun konfrontiert seien, die einen Angehörigen durch das Virus verloren haben. Bis zum Debatten-Abend waren in den USA mehr als 222 000 Menschen an den Folgen von Covid-19 gestorben. Eine Schreckenszahl, die Trump erneut mit dem Hinweis zu relativieren versuchte, es hätte doch alles noch viel schlimmer kommen können. Doch Trump musste sich von Biden auch vorhalten lassen, den „Shutdown“ verursacht zu haben: „Anstatt zu verhandeln, spielte er lieber Golf.“

Eine Umfrage des Senders CNN zeigte, dass 53 Prozent der US-Bürger den Demokraten als Sieger der Debatte sehen. Das dürfte auch an den Schlussbemerkungen Bidens liegen. Während der 74-jährige Trump vor allem auf Negativität setzte und warnte, die Menschen würden bei einem Sieg seines Herausforderers „die schlimmste Depression aller Zeiten“ erleben, versprach Biden eine Versöhnung des tief gespaltenen Landes. Er werde ein Präsident für alle Bürger sein, sagte er. „Wir sind doch alle die Vereinigten Staaten“ – das war eine Kernaussage, die er sich von seinem früheren Chef Barack Obama geborgt hat. Bei den Kernthemen – von Einwanderung über Nordkorea und Rassismus bis hin zum Klimawandel – zeigten sich beide Bewerber unversöhnlich und mit bekannten Positionen. Eine interessante Abweichung gab es dabei bei Biden, der sich für ein schnelles Ende von fossilen Energien und der Ölindustrie einsetzte. Dies sorgte in einigen Bundesstaaten für Entsetzen. Unterm Strich wirkten Trumps Konter oft schwach – und hatten teils einen kuriosen Unterton. Wie bei der Aussage, er sei „die am wenigsten rassistische Person in diesem Raum“. Oder als er sich seiner Verdienste für die Schwarzen im Land rühmte – und mit Abraham Lincoln verglich.

Einen der Kernsätze seines Konkurrenten konnte Trump nicht überzeugend entwerten: Dass ein Mann, der für so viele Corona-Tote Verantwortung trage, nicht Präsident sein dürfe. Trump versuchte sich mit dem Hinweis, das Ganze werde „vorbei gehen“, China sei an allem schuld, Impfungen stünden schon „innerhalb Wochen“ zur Verfügung. Und was Beschränkungen angehe, dürfe „die Heilung nicht schlimmer als die Krankheit sein“. Doch am Ende sahen die meisten Analysten Biden als Sieger – und als Politiker, der seine Führungsrolle in den Umfragen durch die Debatten-Performance nicht beschädigt hat.