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Trump, Tulsa und ein „epischer“ Tag

Wahlkampf-Rückkehr : Donald Trump, Tulsa und ein „epischer“ Tag

Zurück im Wahlkampf spricht der US-Präsident über vieles – aber nicht über George Floyd.

„Ich stehe heute vor euch, um zu erklären: Die schweigende Mehrheit ist stärker als je zuvor“, ruft Donald Trump in die Arena von Tulsa, Oklahoma. Allerdings will die Optik nicht recht dazu passen. Die leeren Ränge im oberen Drittel des Stadions lassen Zweifel aufkommen. Fast eine Million Tickets seien vergeben worden, hatte der Präsident zu Wochenbeginn noch geprahlt. Die 19 000 Plätze würden voll sein. Bedenken, dass sich eine Massenkundgebung als Corona-Virenschleuder erweisen könnte, ließ er nicht gelten. Es sollte ja eine Art Neuanfang sein, seine erste Wahlkampfveranstaltung seit über drei Monaten, so etwas wie ein psychologischer Schlussstrich unter die Pandemie. Draußen war extra eine zweite Bühne aufgebaut worden, auf der Trump zu weiteren Fans sprechen wollte. Doch sein Team sagte den Auftritt kurzerhand ab. „Radikale Demonstranten“ hätten Zugänge blockiert. Dennoch, hieß es hinterher in einer E-Mail, sei es Trumps „epischste“ Rally aller Zeiten gewesen, eine Rally vor Tausenden echter Patrioten. „He’s back“ – „Er ist wieder da“, stand im Betreff.

Patriotische Amerikaner bieten der „radikalen Linken“ die Stirn – es ist denn auch das Leitmotiv der Rede in der Arena. Kein Wort über George Floyd, nicht das leiseste Signal an die Demonstranten, die seit dem Tod des Afroamerikaners auf die Straße gehen. Auch die Tatsache, dass aufgeputschte Weiße am 1. Juni 1921 just in Tulsa bei einem der schlimmsten Massaker der jüngeren Geschichte der USA bis zu dreihundert Schwarze ermordeten, erwähnt Trump nicht. Ein Massaker, an dessen Ende ein komplettes Stadtviertel in Schutt und Asche lag, dessen Aufarbeitung bis in die Siebzigerjahre gegen eine Mauer des Schweigens im weißen Tulsa prallte.

Doch von Rassismus spricht Trump nicht. Bei ihm klingt es so: „Ein verrückt gewordener Mob versucht unsere Geschichte zu vandalisieren, unsere wunderschönen Denkmäler zu entweihen, unsere Statuen niederzureißen und jeden, der sich seinen Forderungen nach totaler Kontrolle nicht beugt, zu bestrafen und zu verfolgen.“ Eine Linke, die sich ermutigt fühle, werde einen Großangriff auf die amerikanische Lebensart starten und jeden verjagen, der ihre Meinung nicht teile. Der Kongress, fordert er, solle das Anzünden der amerikanischen Flagge per Gesetz unter Strafe stellen – entgegen einem geltenden Urteil des Obersten Gerichtshofs von 1989.

Seinen Herausforderer von den Demokraten, Joe Biden, bezeichnet Trump mal als hilflose Marionette der radikalen Linken, mal als Marionette an den Fäden Chinas, mal als williges Trojanisches Pferd für den Sozialismus. „Ich glaube nicht, dass er noch weiß, wer er überhaupt ist“, wiederholt er eine seiner Wahlkampf-Aussagen. Sein 77-jähriger Widersacher, suggeriert der 74-Jährige, sei ein seniler Tattergreis. Um Zweifel an seinem eigenen Gesundheitszustand zu zerstreuen, redet er eine Viertelstunde lang darüber, warum er neulich, nach der Abschlussfeier für die Kadetten der Militärakademie West Point, so unbeholfen eine flache Rampe hinuntergegangen war. Er habe zu lange in der Sonne gestanden, 600 Mal salutiert und zu wenig Wasser getrunken. Dann hätten sich die glatten Ledersohlen seiner Schuhe nicht geeignet für die rutschige Rampe. Angesichts seiner vorsichtigen Trippelschritte hätten die Medien spekuliert, dass er an Parkinson erkrankt sei – kompletter Blödsinn.

Angela Merkel nennt er eine gute Verhandlerin, aber nur, um deutlich zu machen, dass er amerikanische Interessen auch gegen gute Verhandler durchzusetzen gedenkt. Ihr Land, habe die deutsche Kanzlerin in Aussicht gestellt, könne die Zusage, zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für die Verteidigung auszugeben, frühestens 2030, vielleicht auch erst 2031 erfüllen. „Ich sagte, nein, Angela!“ Im Übrigen gehe es ja auch um die vielen Milliarden Dollar, mit denen Deutschland nach 25 Jahren zu geringer Zahlungen in der Kreide stehe. Um seinen Forderungen Nachdruck zu verleihen, habe er angewiesen, die Zahl der dort stationierten US-Soldaten auf 25 000 zu reduzieren.

In Tulsa, wo Trump auftrat, kam es 1921 zu einem Massaker gegen Schwarze. Nicht nur die Baptistenkirche (Foto) brannte nieder. Trump ging – in Zeiten neuer Rassismus-Debatten – nicht darauf ein. Foto: AP/Anonymous

Schließlich Corona. Wieder spricht Trump – der bei den Demokraten nicht nur wegen seines Umgangs mit der Krise in der Kritik steht, sondern nach diesem Wochenende auch wegen des erzwungenen Rücktritts des prominenten Staatsanwalts Geoffrey Berman, der auch gegen Mitarbeiter Trumps ermittelte – vom chinesischen Virus, vom „Kung Flu“. Das Testen, sagt Trump, sei ein zweischneidiges Schwert. Amerika habe mittlerweile 25 Millionen Menschen getestet, wohl 20 Millionen mehr als der Rest der Welt. Wer so viel teste, der finde auch mehr Fälle. „Also habe ich meinen Leuten gesagt: Macht mal langsam mit dem Testen!“ Eine Sprecherin bemüht sich hinterher, den Satz zu einem Scherz umzudeuten, während Trump-Rivale Biden twittert: „Macht Tempo beim Testen!“