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Stichwahl Frankreich: Macron laut Umfragen vorn - aber nicht bei allen beliebt

Stichwahl zwischen Macron und Le Pen : Frankreichs ungeliebter Präsident

Obwohl Emmanuel Macron in den Umfragen vor der Stichwahl am Sonntag führt, ist die Ablehnung in der Bevölkerung groß. Vor allem die linke Wählerschaft will lieber zu Hause bleiben, als für ihn zu stimmen.

Zuerst begrüßt Emmanuel Macron brav die Honoratioren, die mit blau-weiß-roter Schärpe aufgereiht vor einem Reha-Zentrum stehen. Doch schon nach wenigen Minuten durchbricht der Staatschef das Protokoll seines Wahlkampfauftritts im ostfranzösischen Mulhouse und rennt auf die andere Straßenseite, wo Dutzende Schaulustige auf ihn warten. Vor einem Absperrgitter findet er sich in einer Diskussion mit einem Krankenpfleger wieder, der ihm vorwirft, das Krankenhaus kaputt gespart zu haben. „Sie sind der miserabelste Präsident der Fünften Republik“, sagt ihm wenige Stunden später ein grauhaariger Mann im Holzfällerhemd ins Gesicht.

Immer wieder wird der Amtsinhaber im Wahlkampf hart angegangen – obwohl er die erste Wahlrunde am 10. April gewann und laut Umfragen auch in der Stichwahl gegen die Rechtspopulistin Marine Le Pen mit 55 zu 45 Prozent vorne liegt. Nach fünf Jahren ist der 44-Jährige bei einem Teil der Bevölkerung äußerst beliebt. Ein anderer Teil lehnt ihn allerdings ebenso heftig ab. Der jüngste Staatschef Frankreichs polarisiert stärker als seine Vorgänger.

Das war nicht immer so. Als der Überflieger vor fünf Jahren im Elysée-Palast landete, verfolgten die meisten seiner Landsleute die Auftritte ihres smarten Staatschefs mit Stolz. Aber Macron selbst zerstörte die Magie der ersten Monate. Mit der Abschaffung der Vermögenssteuer schuf er sich den Ruf des „Präsidenten der Reichen“, auf den sich die Wut der Gelbwesten konzentrierte, die 2018 gewaltsam gegen die Erhöhung der Ökosteuer auf Benzin protestierten. Laut einer Studie des Instituts für öffentliche Politik profitierten vor allem die Superreichen von Macrons Steuerpolitik. Die Lebensbedingungen der knapp zwei Millionen Ärmsten verschlechterten sich dagegen weiter.

Doch statt Mitgefühl zu zeigen, vertiefte Macron die Kluft noch. Mit herablassenden Bemerkungen zeigte der frühere Investmentbanker seine eigene Abgehobenheit. Einem Arbeitslosen riet Macron, dieser müsse nur die Straße überqueren, um einen Job zu finden. Von denen, die Erfolg haben, und denen die „nichts sind“, sprach er beim Besuch eines Start-up-Zentrums. Seine Landsleute haben diese Sätze nicht vergessen, die ihm das Etikett der Arroganz einbrachten. In jeder Diskussion über den Staatschef tauchen sie auf, auch wenn Macron sie inzwischen bedauerte.

Die Entschuldigungen des Präsidenten wirken jedoch inszeniert. So wie viele Auftritte des Präsidenten. Seine Kritiker werfen ihm vor, gar keine eigenen Überzeugungen zu haben, sondern seine Fahne nach dem Wind zu richten. „Er verändert sich je nach der Farbe des Himmels und wählt die Worte, die dem Publikum passen, das er trifft“, bemerkt sein Vorgänger François Hollande in seinem Buch „Affronter“ (Gegenübertreten). Natürlich schreibt sich der Sozialist den Frust über den Verrat seines einstigen Zöglings von der Seele, der 2017 an seiner Stelle für das Präsidentenamt kandidierte. Hollande konnte sich nämlich nicht um eine zweite Amtszeit bewerben, weil er so unbeliebt war, dass eine Blamage unausweichlich schien. Auch Hollandes Vorgänger Nicolas Sarkozy gelang keine Wiederwahl, so dass Macron seit 2002 der erste Präsident werden könnte, der eine zweite Amtszeit schafft.

Der frühere Wirtschaftsminister hat auch durchaus Erfolge vorzuweisen: Er schaffte es im Gegensatz zu seinem Vorgänger, die Arbeitslosenquote zu senken, die nur noch bei 7,4 Prozent liegt. Die ausländischen Investitionen erreichten zudem 2021 einen neuen Rekord. Dennoch bleibt das Bild eines Reformers zurück, der seine Politik ohne Kompromisse durchsetzte. Bei seinen beiden großen Projekten, der Reform des Arbeitsrechts und der Bahnreform, ließ er die Gewerkschaften außen vor und scherte sich nicht um den Protest Zehntausender auf der Straße.

Kein Wunder also, dass die linke Wählerschaft, die ihm 2017 zum Wahlsieg verhalf, sich nun verraten fühlt. Der Linkspolitiker Jean-Luc Mélenchon, der als Drittplatzierter der ersten Wahlrunde nun der Königsmacher ist, rief zwar dazu auf, Le Pen keine einzige Stimme zu geben. Für die Wahl Macrons sprach er sich aber nicht aus. Nur rund 40 Prozent seiner Wählerinnen und Wähler dürften für den Präsidenten stimmen, während die anderen lieber zu Hause bleiben oder Le Pen wählen. „Die Linke hat nicht nur Wahlen verloren, sondern auch den Kampf auf der Straße“, sagt Joseph de Weck, Autor des Buches „Emmanuel Macron – Der revolutionäre Präsident“. „Macron jetzt wieder zu wählen, nachdem er sie fünf Jahre lang an die Wand gefahren hat, ist für viele Leute schwierig.“

Doch Macron war nicht nur brutal in seinen Entscheidungen, sondern auch einsam in seiner Machtausübung. Das bekamen seine Landsleute in der Pandemie zu spüren, als der Präsident gegen den Rat des ihn beratenden Expertengremiums keinen neuen Lockdown verhängte. Auch die heftig umstrittene Rentenreform, die er in seiner zweiten Amtszeit umsetzen möchte, entschied er allein. Vom Eintrittsalter mit 65 Jahren waren bei der Vorstellung seines Programms nicht einmal seine Mitarbeiter informiert. „Er ist einsam, weil es keine zwei Götter gibt“, scherzte sein Vertrauter, der Senator François Patriat, einmal. Inzwischen ruderte Macron bei der Rentenreform wieder zurück. Die Rente mit 64 und sogar ein Referendum sind für ihn möglich. In einer zweiten Amtszeit dürfte der Staatschef ohnehin mehr auf Versöhnung setzen. Denn es geht um das Bild, das er bei seinem Abgang hinterlassen will. Es soll nicht das eines verhassten Präsidenten sein.